Seit 1. September steht Martin Kocher (52) an der Spitze der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Im großen "Heute"-Talk (ganzes Interview im Video unten) spricht der frühere Arbeits- und Wirtschaftsminister unter Türkis-Grün über Ursachen der heimischen Konjunkturflaute, den Kampf gegen die Inflation und über die Zukunft des Geldes.
Zur aktuellen Wirtschaftslage in Österreich sagt Kocher: "Wir waren zwei Jahre in der Rezession, das ist ungewöhnlich lange. Seit Jahresbeginn heuer wachsen wir wieder, aber immer noch recht schwach. Das liegt vor allem daran, dass der gesamte Euro-Raum, und gerade die Länder, die für uns relevant sind – wie Deutschland – nicht stärker wachsen."
Und die multiplen Krisen der vergangenen Jahre würden Österreich besonders treffen: "Zuerst haben wir in der Corona-Pandemie mit unserem Fokus auf Tourismus- und Dienstleistungswirtschaft einen stärkeren Schlag bekommen. Dann hat uns der russische Angriff auf die Ukraine über die Energiepreise stark getroffen – wir waren abhängig von Importen aus Russland. Und jetzt kommen die US-Zölle dazu – die uns als exportorientiertes Land stärker treffen."
Was jetzt zu tun sei? "Es braucht die richtige Wirtschaftspolitik, die richtigen Impulse, aber auch die richtigen Reformen", erklärt Kocher: "Die Idee, dass es eine große Reform gibt und dann ist alles wieder im Lot, ist illusorisch."
„Die Idee, dass es eine große Reform gibt und dann ist alles wieder im Lot, ist illusorisch.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
Er fordert Kontinuität und Glaubwürdigkeit statt hektischer Versprechen: "Es geht darum, Schritt für Schritt voranzukommen und glaubwürdig auch Zuversicht zu schaffen."
Europa habe an Wettbewerbsfähigkeit verloren, gibt Kocher zu. "Aber bei aller Kritik an dem, was in den letzten Jahren vielleicht nicht ganz richtig gelaufen ist, sollten wir nicht vergessen, dass Europa auf der anderen Seite große Chancen hat. Es gilt, noch innovativer und schneller zu werden, neue Technologien besser einzusetzen. Das kompensiert die höheren Kosten."
Und weiter: "Wir werden in Europa nie zu niedrigeren Kosten produzieren können. Wir werden kein Niedriglohnland sein und wollen das auch gar nicht. Wir wollen möglichst produktiv und innovativ sein. Österreich hat zwei riesige Stärken: Wir sind stark in Forschung und Entwicklung, und wir haben hervorragend ausgebildete Mitarbeiter."
Dass die Inflation in Österreich deutlich höher ist als im übrigen Euroraum, sei zum Teil einem Einmaleffekt geschuldet. Kocher: "Das Auslaufen der Strompreisbremse mit Ende 2024 hat die Inflationsrate um einen ganzen Prozentpunkt erhöht. Das fällt nach einem Jahr wieder heraus. Von Dezember 2025 auf Jänner 2026 wird die Inflationsrate wieder um diesen Punkt sinken – ein rein mechanischer Effekt."
Die auch abgesehen davon höhere Teuerung in Österreich habe mit den Energie- und Lohnkosten sowie den Abgaben zu tun, "wo wir in Europa relativ weit vorne sind".
Laut Prognose der Nationalbank werde die Inflation in Österreich im kommenden Jahr bei 2,4 Prozent liegen, man sei dann nahe beim Zielwert von zwei Prozent.
Aber dass alles wieder billiger werde, sei eine Illusion, erklärt Kocher. "Dass das gesamte Preisniveau nach unten geht, gibt es ganz selten und ist auch nicht wünschenswert. Wir wollen, dass die Preise nur schwach steigen und idealerweise die Einkommen stärker hinaufgehen."
„Viele Preise wirken plötzlich extrem hoch – es dauert, bis man sich an dieses neue Preisniveau gewöhnt hat.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
Aktuell empfinden die Menschen die Preissteigerungen als extrem. Kocher: "Wir hatten in ganz Europa jetzt eine Phase, wo die Inflationsrate über zwei Jahre bei acht bis zehn Prozent lag. Das heißt, das Preisniveau ist teilweise um 15, 20, 25 Prozent gestiegen, je nach Produktkategorie."
"Viele Preise wirken plötzlich extrem hoch", so der Nationalbankchef – "es dauert, bis man sich an dieses neue Preisniveau gewöhnt hat."
„Das Bargeld bleibt auf jeden Fall. Es gibt nicht die geringsten Überlegungen, es abzuschaffen.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
Zum Thema Zahlungsmittel erklärt Kocher deutlich: "Das Bargeld bleibt auf jeden Fall. Es gibt nicht die geringsten Überlegungen, es abzuschaffen. Das kann ich auch hier garantieren."
Er fordert eine klare gesetzliche Basis: "In Österreich gibt es grundsätzlich eine Bargeldannahmepflicht. In vielen anderen europäischen Ländern aber nicht. Nun gibt es aber den Entwurf für eine EU-Richtlinie, dass die Bargeldannahmepflicht künftig in ganz Europa gelten soll."
Gleichzeitig bereitet sich die Notenbank auf den digitalen Euro vor: "Ziel ist, den digitalen Euro als Ergänzung zum Bargeld zu etablieren, nicht als Ersatz", betont Kocher. Und: „Wir treten für Wahlfreiheit ein: Wer mit Bargeld bezahlen möchte, soll das können – wer digital zahlen will, ebenso.
„Der digitale Euro soll die Vorteile des Bargelds auch in den Onlinehandel bringen.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
"Der digitale Euro soll die Vorteile des Bargelds auch in den Onlinehandel bringen", betont der Notenbankchef. Online kann man derzeit meist nur mit amerikanischen Zahlungsdienstleistern bezahlen. Der digitale Euro werde eine staatlich beziehungsweise europäisch garantierte, öffentliche Form der Bezahlung mit sehr hohen Sicherheitsstandards – "um auch im Onlinehandel praktisch wie bar bezahlen zu können".
Wie kommt man zum digitalen Euro? Kocher: "Das wird über die Banken laufen. Man wird eine Wallet auf dem Handy haben, vielleicht auch auf der Smartwatch oder anderen Geräten." Diese Wallet werde einen maximalen Wert in digitalen Euro haben können: "Damit soll man dann überall bezahlen können, auch offline in Geschäften – etwa bei Stromausfall oder Netzproblemen."
Wie der Zeitplan ausschaut? "Es braucht noch Beschlüsse der EU-Finanzminister und des EU-Parlaments. Der derzeitige Plan ist, den digitalen Euro 2029 im gesamten Euroraum auszurollen, davor wird es Testphasen geben."
„Wer wirtschaftliche Zusammenhänge versteht, trifft bessere Entscheidungen.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
Ein Herzensthema ist dem OeNB-Gouverneur auch die Bildung: "Wir versuchen, Finanzbildung stark zu forcieren – gerade bei Kindern und Jugendlichen. Wer wirtschaftliche Zusammenhänge versteht, trifft bessere Entscheidungen."
Denn: "Viele politische Debatten sind geprägt durch wirtschaftliche Zusammenhänge. Wenn Menschen nicht verstehen, wie diese Dinge funktionieren, ist das auch demokratiepolitisch bedenklich, weil sie ja Entscheidungen darüber treffen müssen", ist Kocher überzeugt.