Die Entscheidung zwischen Mittelschule und Gymnasium könnte für einige Kinder künftig erst zwei Jahre später fallen. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) will ab dem Schuljahr 2027/28 an mindestens fünf Standorten eine "sechsjährige Volksschule" erproben. Dafür werden nun freiwillige Schulen gesucht.
Derzeit wechseln Kinder nach vier Jahren Volksschule und damit üblicherweise mit zehn Jahren in eine Mittelschule oder – bei entsprechenden Noten – in die AHS-Unterstufe. Für Wiederkehr kommt diese Entscheidung zu früh. Kinder würden sich unterschiedlich schnell entwickeln.
Der Minister sieht in der längeren gemeinsamen Schulzeit vor allem eine Frage der Chancengerechtigkeit. Bildung und finanzielle Möglichkeiten der Eltern hätten in Österreich einen starken Einfluss auf die Bildungschancen. Die Entscheidung für einen bestimmten Schultyp hänge deshalb laut Wiederkehr häufig nicht nur von der tatsächlichen Leistung eines Kindes ab.
Mit zwei zusätzlichen Jahren in der vertrauten Lernumgebung sollen Schüler mehr Zeit bekommen, ihre Stärken zu entwickeln. Auch der Übergang in die nächste Schulform soll dadurch weniger abrupt erfolgen. "Ziel ist ein Schulsystem, das Kinder nicht schon mit zehn Jahren schubladisiert."
Politisch ist das Vorhaben innerhalb der Regierung nicht abgestimmt. Im Regierungsprogramm von ÖVP, SPÖ und Neos ist zwar eine Erleichterung von Modellregionen für eine gemeinsame Schule der Zehn- bis Zwölf- beziehungsweise 14-Jährigen vorgesehen.
Vorarbeiten des Bildungsministeriums hatten im Frühjahr allerdings bereits für Irritationen bei der ÖVP gesorgt. "Das Gymnasium steht für die ÖVP nicht zur Disposition", wurde damals betont.
Für den nun angekündigten Schulversuch sei keine Zustimmung der Koalitionspartner notwendig, erklärte Wiederkehr auf Nachfrage. Als Bildungsminister sei er für Schulversuche selbst zuständig. Sollten die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung positiv ausfallen, könnten später auch Modellregionen folgen.
ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti zeigte sich skeptisch und sprach von einem "neuen Türschild" ohne echten Mehrwert. Die Initiative "Pro Gymnasium" sieht zusätzliche Volksschuljahre ebenfalls als "keine Antwort auf fehlende Grundkompetenzen".
Von der FPÖ kam der Vorwurf eines "ideologischen Kniefall vor der Mittelmäßigkeit". Der Arbeiterkammer geht Wiederkehrs Modell dagegen nicht weit genug. Sie fordert eine Gesamtschule für Zehn- bis 14-Jährige.
Starten soll der Schulversuch im Schuljahr 2027/28 an mindestens fünf Standorten in wenigstens drei Bundesländern. Die Teilnahme ist freiwillig und soll wissenschaftlich begleitet werden. Ein weiterer Durchgang ist für das darauffolgende Schuljahr vorgesehen.
Interessierte Volksschulen können sich bis zum 16. Oktober melden. Auch einzelne Klassen können teilnehmen. Nötig sind die Zustimmung der Lehrer- und Elternvertretung am jeweiligen Standort sowie der Eltern und Lehrer der betroffenen Klassen.
Eine weitere Voraussetzung ist die Zusammenarbeit mit einer benachbarten Mittelschule oder AHS-Unterstufe.
Nach Angaben Wiederkehrs hätten sich bereits vor dem offiziellen Start Schulen aus mehreren Bundesländern beim Ministerium gemeldet. Denkbar wäre der Versuch auch an Praxis-Volks- und Mittelschulen der Pädagogischen Hochschulen. Eine Weisung zur Teilnahme werde es laut Wiederkehr aber nicht geben.
Die geplante "sechsjährige Volksschule" soll nicht einfach aus zwei zusätzlichen Jahren im bisherigen Volksschulsystem bestehen. Die Schüler bleiben zwar in ihrem gewohnten Klassenverband, gleichzeitig sollen Lehrer der kooperierenden Mittelschulen oder Gymnasien schrittweise eingebunden werden.
In der ersten und zweiten Klasse ändert sich gegenüber dem derzeitigen System nichts. In der dritten und vierten Schulstufe sollen punktuell bereits Lehrer der Partnerschule unterrichten.
In der fünften und sechsten Schulstufe übernehmen dann – wie derzeit in der Sekundarstufe I – Fachlehrer den Unterricht nach dem entsprechenden Lehrplan. Die bisherige Klassenlehrkraft bleibt den Kindern dennoch erhalten und übernimmt für vier bis sieben Stunden pro Woche die Funktion des Klassenvorstands.
Zusätzlich unterrichtet sie das neue Pflichtfach "Persönlichkeitsbildung".
In diesem Fach sollen unter anderem Selbstvertrauen und Resilienz gestärkt sowie die Kinder auf den nächsten Bildungsabschnitt vorbereitet werden. Bereits während der ersten vier Schuljahre soll "Persönlichkeitsbildung" in sämtliche Fächer "eingewoben" werden.
Über die gesamte Dauer des Schulversuchs ist außerdem "individualisierte Förderung und kontinuierliche Unterstützung im Erwerb der Grundkompetenzen" vorgesehen.
Dafür werden zusätzliche Ressourcen bereitgestellt. In der fünften und sechsten Schulstufe sind vier zusätzliche Stunden etwa für die Förderung in Kleingruppen geplant. Auch für "Persönlichkeitsbildung" gibt es zusätzliche Mittel.
Eine mögliche spätere flächendeckende Einführung wäre laut Wiederkehr dennoch "ressourcenneutral" umsetzbar.
Nach der sechsten Schulstufe wechseln die Kinder direkt in die dritte Klasse einer Mittelschule oder AHS-Unterstufe. Dafür soll es eine Platzgarantie geben. Bei entsprechender AHS-Reife sei laut Ministerium ein Platz in einem Gymnasium gesichert.
Wo die fünfte und sechste Schulstufe stattfindet, kann unterschiedlich geregelt werden. Der Unterricht ist entweder weiterhin in der Volksschule oder bereits in der kooperierenden Mittelschule beziehungsweise AHS möglich.
Unabhängig vom Unterrichtsort erhalten die Schüler nach diesen beiden Jahren kein Volksschulzeugnis mehr. Ausgestellt wird ein Zeugnis der AHS beziehungsweise Mittelschule mit einem Hinweis auf den Schulversuch. Darin müssen Ziffernnoten enthalten sein – unabhängig davon, welche Form der Leistungsbeurteilung die Volksschule zuvor verwendet hat.