Seit 15 Jahren analysiert das Bundesheer regelmäßig die aktuelle Sicherheitslage für Österreich und die Welt. Die "Trefferquote" sei mit fast 80 Prozent hoch, erklärte Oberst Bernhard Richter nicht ohne Stolz bei der Präsentation des "Risikobilds 2026" am Montag.
Das ist auch so ziemlich der einzige Grund zur Freude, denn für dieses Jahr sind keinerlei geostrategische Entspannungen erkennbar. Im Gegenteil: Die Welt wird immer "unsicherer" und gleichzeitig "imperialistischer und darwinistischer".
"Wir erleben einen Bruch bei internationalen Beziehungen und müssen uns von einer regelbasierten Weltordnung verabschieden", konstatiert Arnold Kammel, Generalsekretär und Leiter der Generaldirektion für Landesverteidigung.
China, Russland und die USA versuchen, sich die Welt aufzuteilen. Dass die EU in diesem Machtspiel kaum eine Rolle spielt, sei durch jüngste geopolitische Ereignisse evident. Die europäische Staatengemeinschaft gerät deshalb zunehmend in das Visier des Kremls und des Weißen Hauses.
Sowohl Trump als auch Putin würden – aus unterschiedlichen Gründen – die EU zerschmettern wollen, warnt Generalmajor Ronald Vartok, Leiter der Direktion Verteidigungspolitik und internationale Beziehungen.
Mit Blick auf Viktor Orbán und Robert Fico, die regelmäßig EU-Maßnahmen blockieren, kommt er zu dem Schluss: "Die Spaltung der EU hat bereits konkrete Formen angenommen."
Die Landesverteidiger warnen in ihrem Bericht davor, dass ein bewaffneter Angriff auf einen EU-Mitgliedsstaat in absehbarer Zeit eine "denkmögliche Option" bleibe. Die Frage, ob Russland "angreifen" werde, stelle sich jedoch "nur bedingt".
Der Kreml verfolge bereits Ziele in drei von vier Machtkategorien – Diplomatie, Wirtschaft und Information. Die europäischen Staaten sind bereits jetzt massiv der hybriden Kriegsführung unfreundlicher bis feindlicher Akteure ausgesetzt. Cyberangriffe, Informationsoperationen oder auch Beeinträchtigungen des Luftraums stünden "auf der Menükarte".
"Die Drohnengefahr ist immanent", hält Generalmajor Vartok bei seiner Präsentation fest. Zahlreiche EU-Staaten hätten schon bedenkliche Vorfälle erlebt, die teils gezielt den Luftverkehr auf Flughäfen gestört und somit lahmgelegt hätten.
Auch wir dürften davon nicht verschont bleiben: "Es stellt sich nicht die Frage, ob auch Österreich Ziel von Drohnen sein wird, sondern lediglich wann." Insbesondere internationale Großveranstaltungen wie der heuer in Wien ausgetragene Eurovision Song Contest böten eine "attraktive Angriffsfläche".
Im sogenannten Informationsraum sind immer mehr Bemühungen feststellbar, die darauf abzielen, die österreichische Bevölkerung zu verunsichern und das Vertrauen in Institutionen zu untergraben.
Kognitive Kriegsführung heißt das im Heeres-Jargon: "Hier verschiebt sich das 'Schlachtfeld' zunehmend in den menschlichen Geist. Es geht darum, nicht nur physisch zu obsiegen, sondern auch die Narrative und öffentliche Meinung zu kontrollieren. Eine sinistre Maßnahme, oft wirkungsvoller als klassische Waffengewalt. Es gilt die Devise: Wer den Kampf um die Köpfe gewinnt, gewinnt den Krieg."
Vartok lässt dabei auch mit einer Ansage an die bei der Präsentation anwesenden Medienvertreter aufhorchen: Dialogforen von Nachrichtenseiten würden von feindlichen Staaten ins Ziel genommen, um die Meinung der Lesenden zu manipulieren. "Es ist oftmals nicht der typische 'Michael Huber', der einen Kommentar abgibt, sondern dahinter steht eine bewusst gesteuerte Maßnahme", mahnt der Offizier.
Obendrauf kommen dann noch schwere Cyberangriffe, die "massiv an Intensität gewinnen". Durch die Anonymität des Internets mache diese zu einem gefährlichen Werkzeug der hybriden Kriegsführung. Das Spektrum der Bedrohungen reiche von Spionage über Krypto-Diebstähle zum gezielten Einschleusen von Schadsoftware in kritische Infrastruktur.
"Cyberangriffe finden bereits jetzt statt. Dieses Risiko ist somit auch für Österreich immanent; die potenzielle Schadensschwere verhängnisvoll", sagt Vartok. Noch können Staat und Betreiber von kritischer Infrastruktur erfolgreich dagegenhalten, "aber ich kann nicht sagen, wie lange die Abwehr noch so robust ist."
Ein Ende ist nicht in Sicht. Von Russland werde aufgrund mehrerer Faktoren wohl noch auf längere Sicht ein "Stör- und Chaospotenzial" ausgehen: "Es wird erwartet, dass Moskau seine revisionistische Politik fortsetzen wird, jedoch nicht aus einer Position der Stärke, sondern aufgrund struktureller Verwundbarkeit."
Und weiter: "Für die EU und ihre Mitgliedsstaaten bedeutet das wahrscheinlich eine langfristige Konfrontation niedriger Intensität, gekennzeichnet durch Cyber-Operationen, Desinformation und nukleare Abschreckungsrhetorik. Militärische Auseinandersetzungen an der Peripherie Europas sind jedoch möglich."
Auch in den USA ist ein Kurswechsel voraussichtlich Wunschdenken: "Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass Donald Trump in zwei, drei Jahren weg ist und alles ist wieder gut", erklärt Oberst Richter.
Generalmajor Vartok schärft nach: "Wir können es uns in Europa nicht leisten, bloße Zuschauer dieser Entwicklung zu sein. Europa ist gefordert, seine umfassende Verteidigungsfähigkeit drastisch zu steigern."
Das Verteidigungsministerium ruft deshalb zum europäischen Zusammenrücken auf: "Die Antwort auf 'America First' und andere Nationalismusbestrebungen muss 'Europe Together' sein – strategische Autonomie und militärische Handlungsfähigkeit sind für Europa ein MUSS, um seine Sicherheit selbst gewährleisten zu können."