In Dänemark sorgt ein neuer Gesetzesentwurf für Aufsehen. Weil Gewalt und aggressives Verhalten an Schulen zunehmen, will die Regierung Lehrern künftig mehr Rechte geben. Sie sollen Schüler in bestimmten Situationen festhalten und sogar gegen deren Willen aus dem Klassenzimmer bringen dürfen.
Bildungsminister Magnus Heunicke (51) hat den entsprechenden Gesetzesentwurf am Donnerstag (8. Oktober) ins Parlament eingebracht. Die neuen Regeln sollen Lehrern mehr Sicherheit geben, wenn Konflikte im Unterricht eskalieren.
Konkret sieht der Entwurf vor, dass Lehrer körperlich eingreifen dürfen, wenn Schüler andere gefährden, Gegenstände zerstören oder den Unterricht massiv stören.
Auch bei psychischen Übergriffen, etwa schwerwiegenden Schikanen gegen Mitschüler, sollen körperliche Eingriffe möglich sein. Voraussetzung ist allerdings, dass andere Maßnahmen zuvor erfolglos geblieben sind.
Ein Beispiel: Weigert sich ein Schüler trotz mehrfacher Aufforderung, den Unterricht zu verlassen, könnte ihn ein Lehrer künftig festhalten und gegen seinen Willen in einen anderen Raum begleiten.
Die körperliche Gewalt muss dabei verhältnismäßig bleiben und darf nur als letztes Mittel eingesetzt werden. Außerdem soll jeder Eingriff möglichst schonend und kurz erfolgen.
Hintergrund sind alarmierende Zahlen aus Dänemark. Laut einer aktuellen Untersuchung berichtet mehr als jeder vierte Lehrer, dass gewalttätiges und aggressives Verhalten an Schulen in den vergangenen fünf Jahren zugenommen hat.
In 55 Prozent der untersuchten Schulklassen kam es innerhalb eines Schuljahres zu körperlicher Gewalt zwischen Schülern. In jeder fünften Klasse richteten sich gewalttätige Übergriffe auch gegen das Schulpersonal.
Besonders betroffen sind jüngere Schüler: In drei von vier Klassen der ersten vier Schulstufen wurden gewalttätige Vorfälle registriert.
Bildungsminister Heunicke will mit der Reform für mehr Sicherheit und Ordnung sorgen. Lehrer sollen nicht länger befürchten müssen, wegen eines notwendigen körperlichen Eingriffs ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Gleichzeitig betont die Regierung, dass körperliche Gewalt niemals pädagogische Maßnahmen ersetzen dürfe. Schulen müssten weiterhin alles daransetzen, Konflikte frühzeitig zu verhindern.
Der Gesetzesentwurf muss noch vom dänischen Parlament beschlossen werden. Erst danach könnten die neuen Regeln in Kraft treten.
In Österreich gelten klare gesetzliche Grenzen. Laut Paragraf 47 des Schulunterrichtsgesetzes sind körperliche Züchtigungen ausdrücklich verboten. Lehrer dürfen Schüler also weder schlagen noch körperliche Gewalt als Strafe einsetzen. Erlaubt sind hingegen pädagogische Maßnahmen wie Ermahnungen oder Zurechtweisungen.
Allerdings dürfen Lehrer auch hierzulande in bestimmten Situationen körperlich eingreifen. Wird etwa ein Schüler angegriffen oder droht jemand verletzt zu werden, können Notwehr und Nothilfe nach Paragraf 3 des Strafgesetzbuches ein Eingreifen rechtfertigen. Entscheidend ist, dass die Maßnahme notwendig und angemessen ist.
Ein Schüler, der lediglich den Unterricht stört, darf in Österreich hingegen nicht einfach gewaltsam aus der Klasse gezerrt werden. Anders als im dänischen Gesetzesentwurf gibt es dafür keine vergleichbare allgemeine Befugnis. Auch das Festhalten eines Schülers muss im Einzelfall rechtlich gerechtfertigt sein.
Mit dem Vorhaben will Dänemark eine klare rechtliche Grundlage für den Umgang mit aggressiven Schülern schaffen. Besonders umstritten ist dabei die Frage, wann eine erhebliche Unterrichtsstörung einen körperlichen Eingriff rechtfertigen darf.
Der Entwurf sieht deshalb ausdrücklich vor, dass Lehrer zunächst mildere Mittel ausschöpfen müssen. Körperliche Eingriffe sollen die Ausnahme bleiben.
Ob sich die neuen Regeln im Schulalltag bewähren, soll nach ihrer Einführung überprüft werden. Fest steht: Dänemark will seinen Lehrern deutlich mehr Handlungsspielraum geben, während in Österreich weiterhin enge Grenzen für körperliches Eingreifen gelten.