Österreichs Wasserschatz lässt sich in barer Münze umrechnen. Mehr als die Hälfte der heimischen Stromerzeugung stammt direkt aus Wasserkraft. Ein Drittel davon stemmen die Laufkraftwerke der Donau. Der viel besungene Strom ist somit auch elektrische Lebensader unserer Alpenrepublik.
Heuer allerdings ist alles anders: Wegen des geringen Donaupegels drehen sich beim zweitgrößten Verbund-Laufkraftwerk in Greifenstein nur vier der insgesamt neun Turbinen. Es wird nicht einmal ein Drittel der knapp 300 Megawatt Maximalleistung erreicht.
Michael Strugl, Vorstandsvorsitzender des Verbunds, spricht vor dem halb-ruhenden Betonkoloss von einem noch nie verzeichneten Extrem: "Das ist überhaupt das schlechteste Wasserjahr seit wir hydrologische Aufzeichnungen machen – und das sind hundert Jahre."
Der Konzern-Chef ist "beunruhigt": "Wir brauchen diesen Strom". Geringere Produktion bedeutet direkt weniger Einnahmen: 370 Millionen Euro fehlen dem Verbund als Folgen der Dürre. Die trockensten Monate seien da noch gar nicht eingerechnet, heißt es am Dienstag im ORF-Report. Im schlimmsten Fall könnte sich der Umsatzentgang noch mehr als verdoppeln.
Den fehlenden Strom musste Österreich heuer importieren. Auch aus Sicht der EVN ist das "bedenklich". Normalerweise würden nur im Winter – wenn es sehr kalt ist und schwacher PV-Leistung – bis zu 60 Prozent des Strombedarfs in den Nachbarländern eingekauft.
"Diese Situation hatten wir jetzt im Juli und August. Und das ist nicht gesund, dem muss man entgegenwirken", betont Stefan Zach, Sprecher der EVN, auch mit Blick auf die Versorgungssicherheit in Krisensituation.
Der Verbund setzt zur Absicherung auf die Modernisierung bestehender Anlagen. In Greifenstein laufen immer noch die originalen Kaplan-Turbinen aus 1985. Das nahe Kraftwerk Altenwörth hingegen wurde schon mit Neuen bestückt. Das brachte dort eine Leistungssteigerung um circa fünf Prozent.
Schwankungen im Donaupegel sind zwar seit jeher eingeplant, doch solche Extreme dürften durch den Klimawandel häufiger werden. Für den Verbund ist deshalb klar: Der Ausfall der Wasserkraft muss künftig mehrfach abgesichert werden.
Dafür werden bereits Milliarden Euro in den Ausbau von Pumpspeicherkraftwerken, Windparks und Stromnetzen investiert. Auch einen Ausbau der Geothermie sieht Strugl als notwendig an, wegen der hohen Kosten gelte hier allerdings "je weniger desto besser".
"Wenn wir wollen, dass wir eine resiliente Stromversorgung haben, müssen wir stärker auf eigenen Beinen stehen", fasst es der Top-Manager zusammen. Er ist sicher: "Das geht! Wir haben diese Potenziale! Wir haben diese Ressourcen, aber wir müssen bauen!"
Der Wille und das Geld seien vorhanden, doch die Behörden und die (Orts-)Politik würden den Vorhaben oftmals einen Strich durch die Rechnung machen. Einige Bundesländer etwa sperren sich immer noch mit aller Kraft gegen Windkraft – in Tirol, Salzburg oder Vorarlberg (alle ÖVP-geführt) gibt es noch keine einzige Windkraftanlage.
In Kärnten kommt der Widerstand nicht nur wie vielerorts von der FPÖ, sondern auch vom roten Landeshauptmann Daniel Fellner ("Ich hasse Windräder"). Dabei bräuchte das südlichste Bundesland bis zu 100 Stück davon, damit ihm nicht in wenigen Jahren der Saft ausgeht. Schon jetzt ist die sogenannte Winterstromlücke riesig – und wird immer größer.
Verbund-Chef Strugl rechnet mit den Verweigerern und Blockierern deutlich ab: "Wir sind bereit, wirklich viel zu investieren. Aber es muss auch möglich sein. Wenn man sagt: 'Wir wollen zwar den Strom, aber mir gefällt das Windrad nicht', dann kriegen wir ein Problem!"