Acht bis zehn von 100 Personen, die bei einer Studie mitgemacht haben, konnten mit Hilfe von Vapes (E-Zigaretten) für mindestens sechs Monate auf Zigaretten verzichten. Andere Methoden waren laut Studie weniger erfolgreich – der Unterschied lag bei bis zu vier Prozentpunkten. Das berichtet ein Team rund um die Gesundheitswissenschaftlerin Jamie Hartmann-Boyce von der University of Massachusetts in Amherst.
Die Übersichtsstudie wurde für das renommierte Forschungsnetzwerk Cochrane erstellt und ist derzeit in der "Cochrane Library" nachzulesen. Das Ergebnis sorgt aber nicht nur bei heimischen Lungenfachärzten für Stirnrunzeln.
Denn auch E-Zigaretten mit Nikotin sind alles andere als harmlos, warnt der Lungenfacharzt Lukasz Antoniewicz von der MedUni Wien im ORF-Interview:
„Auch E-Zigaretten und andere Nikotinprodukte kommen von der Tabakindustrie. Die will ja gar nicht, dass Menschen wegkommen von ihrer Sucht.“
Solche Produkte seien grundsätzlich nicht für die Rauchentwöhnung gedacht.
In der Cochrane-Arbeit wurde kein echter Entzug untersucht, der Menschen endgültig vom Rauchen wegbringt, sondern das Prinzip der "harm reduction". Das heißt, es wird geschaut, ob ein besonders schädliches Produkt durch ein weniger schädliches ersetzt wird, erklärt der Wiener Lungenfacharzt, der selbst zu den Auswirkungen von Zigaretten, E-Zigaretten und Nikotin forscht.
Cochrane erstellt medizinische Informationen auf Basis hochwertiger Studien. Für diese Übersicht wurden 80 randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt 29.861 Teilnehmern ausgewertet. Randomisiert heißt, dass die Teilnehmer per Zufall den Versuchsgruppen zugeteilt werden. Kontrolliert bedeutet, dass die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe verglichen werden, die keine Behandlung bekommt.
Laut den untersuchten Studien schafften es mit nikotinhaltigen E-Zigaretten acht bis zehn Prozent, dauerhaft vom Rauchen wegzukommen. Bei nikotinfreien E-Zigaretten oder Nikotinersatztherapien (wie Pflaster, Kaugummis, Pastillen oder Sprays) waren es rund sechs Prozent. Ohne Unterstützung oder nur mit Verhaltenshilfe schafften es nur fünf Prozent.
Wenn andere Hilfen nichts bringen, könnten E-Zigaretten als Übergangslösung in Frage kommen, meint Hartmann-Boyce. Sie sieht den Umstieg auf Vapes als Zwischenschritt zum kompletten Rauchstopp. Auch Nicola Lindson von der Universität Oxford, die Erstautorin des aktuellen Cochrane-Reviews, betont: "Nikotin-Vapes sind zwar wahrscheinlich nicht völlig risikofrei, aber weniger schädlich als Tabakzigaretten."
Lukasz Antoniewicz sieht das kritischer und widerspricht: "Ja, es gibt tatsächlich wahrscheinlich wenig, das schädlicher ist als Tabakrauchen." Aber nikotinhaltige E-Zigaretten hätten eben andere Risiken.
„E-Zigaretten enthalten im Gegensatz zu Tabakzigaretten Nikotinsalze. Die fluten im Gehirn, dort wo das süchtig machende Nikotin seine Hauptwirkung entfaltet, noch deutlich schneller an als Nikotin aus herkömmlichen Zigaretten. Und je schneller das passiert, desto abhängiger macht es Raucherinnen und Raucher.“Lukasz Antoniewicz
Wenn jemand nach einem halben Jahr ohne Zigaretten wieder zur Zigarette greift, könnte das Verlangen sogar stärker sein als vorher. Es gibt viele Hinweise, dass E-Zigaretten beim Rauchstopp oft nicht helfen, sondern die Leute nach etwa zwölf Monaten wieder rückfällig werden. Auch das Studienteam selbst schreibt, dass längere und größere Studien nötig sind, um die Langzeitfolgen von E-Zigaretten bei der Rauchentwöhnung zu beurteilen. Bei einer Anwendung von Vapes über sechs Monate oder kürzer gab es keine Hinweise auf schwere Nebenwirkungen.
Für Antoniewicz ist das alles andere als beruhigend. "Wir wissen aus der Rauchentwöhnung, dass es am effektivsten ist, wenn mehrere Methoden kombiniert werden, damit Leute vom Tabak und vom Nikotin wegkommen." Dazu gehört etwa eine Verhaltenstherapie gemeinsam mit Nikotinersatz aus der Apotheke. Ein bloßer Umstieg auf nikotinhaltige E-Zigaretten – und sei es nur für ein halbes Jahr – bringt laut dem Experten jedenfalls nichts.
Daran ändert auch der Hinweis von Hartmann-Boyce nichts, die betont: "Wir arbeiten derzeit an einer Übersichtsarbeit zu Maßnahmen, die beim Ausstieg aus dem Vapen helfen sollen." Am besten ist es, gar nicht erst damit anzufangen – auch nicht, um mit dem Rauchen aufzuhören.