Nach dem Tod einer vierköpfigen Familie aus Hamburg in einem Istanbuler Hotel beginnt nun der Prozess gegen die mutmaßlich Verantwortlichen.
Vor Gericht stehen insgesamt sechs Angeklagte, darunter der Hotelbetreiber, ein Rezeptionist sowie der Eigentümer einer Schädlingsbekämpfungsfirma, dessen Sohn und ein weiterer Mitarbeiter. Sie befinden sich derzeit in Untersuchungshaft.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen "bewusste fahrlässige Tötung" vor und fordert laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Haftstrafen von bis zu 22 Jahren und fünf Monaten. Ein weiterer Hotelmitarbeiter muss sich wegen "fahrlässige Tötung" verantworten, ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft.
Wie "Heute" berichtete, war die Familie am 9. November 2025 nach Istanbul gereist. Die Eltern und ihre zwei kleinen Kinder bezogen ein Hotel im Stadtteil Fatih, nahe bekannter Sehenswürdigkeiten wie der Blauen Moschee, der Hagia Sofia und dem Großen Basar.
Während des Aufenthalts verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand der Familie dramatisch. Zunächst zeigten die Kinder Symptome, danach erkrankten auch die Eltern. Ärzte gingen anfangs von einer Lebensmittelvergiftung aus. Die Familie suchte mehrere Krankenhäuser auf, erhielt unter anderem Medikamente gegen Übelkeit und Infusionen, wurde jedoch zwischenzeitlich wieder ins Hotel zurückgeschickt. Der Zustand verschlimmerte sich weiter – schließlich starben zuerst die Kinder, dann die Mutter und einige Tage später auch der Vater.
Ermittlungen führten schließlich zu einer anderen Ursache: Ein toxikologischer Bericht belegte, dass die Familie in ihrem Hotelzimmer einer giftigen Chemikalie ausgesetzt gewesen war.
Demnach hatte das Hotel eine Schädlingsbekämpfungsfirma beauftragt, um Bettwanzen zu bekämpfen. Laut Anklageschrift soll dabei Aluminiumphosphid eingesetzt worden sein – ein Mittel, das für diesen Zweck nicht geeignet ist. In Verbindung mit Feuchtigkeit entstand daraus das hochgiftige Gas Phosphin, das im Zimmer der Familie nachgewiesen wurde. Über undichte Stellen, etwa rund um Heizungsrohre, soll das Gas in das Zimmer gelangt sein.
Der Anwalt und Freund der Familie, Yaşar Balci, erklärte, dass zwei Zimmer über einen Lüftungsschacht verbunden gewesen seien. Dieser sei laut Zeugenaussage einer Reinigungskraft nicht ausreichend abgedichtet worden. Zudem habe die Firma laut Anklage weder über die nötigen Genehmigungen verfügt noch ausreichende Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Bereits zuvor habe es eine Anzeige wegen eines mutmaßlichen Vergiftungsfalls gegeben. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe.
"Ich will wissen, ob sie zertifiziert waren, ob sie geschult waren, ob sie überhaupt wissen, was sie da taten", so Balci gegenüber dem "Spiegel". Er fordert zudem, auch medizinisches Personal zur Verantwortung zu ziehen. "Die Angeklagten werden versuchen, sich herauszureden. Aber ich werde nicht lockerlassen", kündigte er an.
Zum Prozessauftakt wird Balci vom Bruder des verstorbenen Familienvaters begleitet. Er war aus Hamburg angereist und sucht Antworten. "Wieso haben sie sich keine Gedanken gemacht, ob das vielleicht an dem Insektengift lag, das sie in einem der Hotelzimmer verteilten?", fragt er. Auch die Rückkehr der Familie ins Hotel nach ersten Klinikbesuchen wirft für ihn Fragen auf: "Wieso haben sie es ihnen nicht erzählt. Wieso haben sie nicht gesagt: Fahrt wieder ins Krankenhaus."
Die Reise nach Istanbul fällt ihm schwer. "Ich bin total angespannt. In Istanbul sind all diese negativen Erinnerungen. Ich habe Angst, dass jetzt alles wieder hochkommt", sagte er. Dennoch wolle er den Angeklagten gegenübertreten: "Aber ich will diesen Menschen in die Augen schauen. Den Angeklagten. Ich will, dass sie wissen, welches Leid sie mir und meiner Familie angetan haben. Dass sie eine Familie zerstört haben."