Kunden ohne Rechte

Fernwärme: Behörde kreidet zahlreiche Missstände an

Die Bundeswettbewerbsbehörde hat Österreichs Fernwärmeunternehmen untersucht. Jetzt liegt der 160-seitige Abschlussbericht vor. Die Top-Details.
Team Wirtschaft
06.10.2026, 17:54
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Rund jeder dritte Haushalt in Österreich heizt mit Fernwärme. Nach zahlreichen Beschwerden über explodierende Rechnungen und undurchschaubare Abrechnungen hat die BWB den Sektor anhand von 37 Versorgern, 290 Versorgungsgebieten und rund 6.500 Kilometern Leitungsnetz untersucht. Jetzt liegt der 160-seitige Abschlussbericht vor.

"Fernwärme ist von lokalen Monopolen und Abhängigkeiten geprägt. Einmal ans Netz angeschlossen, ist ein Wechsel kaum mehr möglich. Umso wichtiger sind ein klarer Rechtsrahmen, transparente Preise und eine wirksame Kontrolle", fasst BWB-Generaldirektorin Natalie Harsdorf die Ergebnisse zusammen, verbunden mit 14 Empfehlungen an die Politik.

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1.400 Euro Unterschied je nach Region

Konkret offenbart die Datenauswertung der Behörde erhebliche Verwerfungen zwischen den Netzen. Selbst bei vergleichbarer Größe mit über 50 Kilometern Trassenlänge und identischem Wärmeverbrauch klafft eine massive Kosten-Schere auf.

Für ein Einfamilienhaus mit 22.500 Kilowattstunden Jahresbedarf erhoben die Prüfer zwischen einzelnen Versorgungsgebieten eine Differenz von "mehr als 1.400 Euro pro Jahr". Bei einer durchschnittlichen Wohnung mit 7.500 Kilowattstunden Verbrauch mache der Unterschied im Jahr 2023 gut 480 Euro aus.

Zwar sanken die Tarife nach den Rekordständen der Jahre 2022 und 2023 wieder leicht, das Preisniveau bleibt jedoch hoch. Die BWB rechnet vor, dass die Fernwärmepreise nach einem massiven Anstieg von 110 Prozent bis Anfang 2023 weiterhin "rund drei Viertel über dem Preisniveau der Jahre 2019 bis 2021" verharren.

Verantwortlich dafür ist unter anderem der anhaltend hohe Einsatz von Erdgas: Dieser stieg von 42 Prozent im Jahr 2019 auf 44 Prozent im Jahr 2024.

Bis zu 25 Jahre Bindung

Was die BWB auch feststellte: Verbraucher haben kaum eine Chance, Preiserhöhungen auszuweichen. Die mittlere vertragliche Bindungsdauer beziffert die Behörde mit etwas mehr als 9,5 Jahren, in der Spitze reicht sie bis zu 25 Jahre. Bei über 40 Prozent der untersuchten Tarife ist ein vorzeitiger Ausstieg laut dem BWB-Bericht "überhaupt nicht vorgesehen".

Kaum jemand habe zudem die Möglichkeit, einer Preiserhöhung zu widersprechen, auch lösten Preisanpassungen im Regelfall kein Sonderkündigungsrecht aus. Nur knapp 15 Prozent der Kunden besitzen ein Sonderkündigungsrecht, das zudem oft an finanzielle Pönalen, schwerwiegende Verstöße der Fernwärmeunternehmen oder Naturkatastrophen geknüpft ist.

Preisformeln kaum zu durchschauen

Die BWB hat daneben auch die Preisänderungsklauseln genauer untersucht. Dabei zeigt sich ein regelrechter Wildwuchs. Zur Berechnung werden unter anderem Verbraucherpreis-, Gas-, Strom-, Holz-, Baukosten- und Lohnindizes verwendet. Teilweise kommen sogar deutsche Indizes oder Börsenprodukte für Gas und Strom zum Einsatz.

Einige Kennzahlen sind öffentlich leicht auffindbar, andere für Kunden kaum oder gar nicht zugänglich. Gleichzeitig gibt es keine einheitlichen gesetzlichen Vorgaben dafür, welche Kosten im Grundpreis, Arbeitspreis oder Messpreis enthalten sein dürfen.

Preisbescheide bleiben geheim

Kritisch sieht die Behörde die bestehenden Preisbescheide, wie es sie in einigen Bundesländern gibt. Solche behördlichen Preisvorgaben "sowie ihre Beilagen werden nicht veröffentlicht und sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich", schreibt die BWB. Auch die zugrundeliegenden Gutachten blieben geheim.

Kunden können solche Preisentscheidungen zudem nicht einfach selbst bekämpfen, weil ihnen laut Gesetz keinerlei Parteistellung zukommt.

Keine Firma bietet eigenen Sozialtarif

Auch soziale Härtefälle hat die BWB untersucht. 35 Unternehmen beantworteten die Frage nach einem eigenen Sozialtarif. Ergebnis: Kein einziges davon hatte einen Tarif ausschließlich für soziale Härtefälle.

Etwas weniger als die Hälfte bietet allerdings andere Unterstützungen wie Rabatte, Fonds, Gutscheine oder Hilfspakete an. Einen gesetzlich vorgeschriebenen Sozialtarif lehnt die große Mehrheit der Unternehmen jedoch ab.

Keine Hinweise auf systematische Verstöße

Trotz drastischer Preissprünge und diverser Kritikpunkte kommt die BWB insgesamt zu dem Ergebnis: Hinweise darauf, dass Fernwärmeunternehmen die Energiekrise flächendeckend genutzt hätten, um ihre Gewinnmargen dauerhaft nach oben zu treiben, wurden nicht gefunden. Die Kosten stiegen demnach in den Krisenjahren ähnlich stark wie die Erlöse. Haupttreiber seien vor allem die Brennstoffkosten gewesen.

14 Forderungen an die Politik

Aus den Ergebnissen leitet die BWB jedenfalls 14 Empfehlungen ab. Zentrale Forderung ist dabei die Einführung eines bundesweit einheitlichen Fernwärmegesetzes und einer unabhängigen Schlichtungsstelle. Das soll Preise, Verträge und Rechnungen für Kunden nachvollziehbar machen und ihnen helfen, ihre Rechte wirksam durchzusetzen.

Zusätzlich solle die Schlichtungsstelle mit Hoheitsrechten ausgestattet sein und alle Unternehmen zur Mitwirkung verpflichten können.

Ebenfalls gefordert werden die Veröffentlichung der Preisbescheide inklusive Gutachten, einheitliche Mindestangaben für Tarifblätter, Wärmeverträge und Rechnungen sowie Vorschreibungen analog zu Strom und Gas.

Bei Preisänderungen sollten zudem nur wenige von unabhängigen Stellen berechnete und veröffentlichte Indizes zum Einsatz kommen dürfen.

Daneben wünscht sich die BWB mehr Wettbewerb bei und Ausschreibungen von Dienstleistungen rund um Fernwärme wie Ablesung, Abrechnung und Servicierung von Messgeräten – samt mehr Transparenz. Damit ließen sich die Kosten für Kunden senken.

Ein weiterer Punkt des Empfehlungskatalogs: Der Zugang Dritter zu Fernwärmenetzen soll erleichtert werden – insbesondere für Einspeisung industrieller und gewerblicher Abwärme.

Minister verspricht Reformen

Wirtschafts- und Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer bedankte sich in einer Stellungnahme bei der BWB für die Untersuchung. Die zeige, dass es mehr Wettbewerb am Fernwärmemarkt benötige. "Derzeit prägen lokale Monopole den Markt, Unternehmen stoßen auf hohe Hürden, wenn sie Abwärme in die Netze einspeisen wollen – und mehr Transparenz würde dem Markt helfen, den Wettbewerb zu verbessern", so Hattmannsdorfer.

Auch sollten, so der Minister, Kundinnen und Kunden etwa die Preise, Verträge und Rechnungen nachvollziehen und ihre Rechte wirksam durchsetzen können. "Diese Empfehlungen werden wir nun im Detail evaluieren und als Grundlage für Anpassungen in Richtung mehr Wettbewerb und günstigere Preise verwenden", verspricht Hattmannsdorfer.

tmw,Akt. 06.10.2026, 18:06, 06.10.2026, 17:54
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