Friedhöfe sind in Städten und Siedlungen oft die letzten ruhigen Orte. Alte Bäume und unterschiedliche Bodenflächen machen sie zu wertvollen Lebensräumen. "Auf Friedhöfen gibt es ein mosaikartiges Wechselspiel aus offenen, bewaldeten und Blühflächen", sagt Lucas Ende, Artenschutzkoordinator des Naturschutzbundes. Auf engem Raum entstehe so eine große Vielfalt.
Rehe, Dachse, Füchse, Feldhamster und Fledermäuse finden auf Friedhöfen Lebensräume, die in Städten immer seltener werden. Laut ORF passen sich die Wildtiere zunehmend an diesen Lebensraum an. Das zeigen Beobachtungen aus Bürgerforschungsprojekten.
Rehe auf Friedhöfen haben offenbar eine Vorliebe für Rosenknospen entwickelt. "Sie suchen möglichst hochwertige Nahrung, in der am meisten Nährstoffe enthalten sind", erklärt Ende. Wer die Rosen schützen möchte, kann laut dem Experten Salbei pflanzen. Das Kraut schmecke den Rehen nicht.
Füchse knabbern Berichten zufolge immer öfter Grabkerzen an. Die enthaltenen Öle und Fette liefern ihnen Energie für den Winterspeck, sagt Ende. Vögel wiederum verwenden gerne Bänder und anderen weichen Grabschmuck für ihre Nester. Ende empfiehlt, möglichst auf Plastik zu verzichten. Die Tiere verschleppen die Dekoration oft.
Offene Bodenstellen sind für viele Insekten wichtig. Zahlreiche Wildbienen- und Hummelarten brauchen Lücken in der Grasnarbe, um ihre Erdnester zu bauen. "Sie sind darauf angewiesen, dass offene Erde vorhanden ist", sagt Ende.
Fledermäuse profitieren nicht nur von alten Bäumen, sondern auch von Familiengrüften und kleineren Mausoleen. Diese bieten wichtige Winterquartiere. "Für Fledermäuse ist es wichtig, im Winter frostfreie Quartiere zu haben, die eine hohe Luftfeuchtigkeit aufweisen und wo sie ungestört sind", erklärt Ende.
Für mehr Artenvielfalt empfiehlt der Naturschutzbund eine möglichst naturnahe Gestaltung der Gräber. Wichtig seien heimische Pflanzen. Auf trockenen Standorten rät Ende zu Heidekraut, Lavendel, Rosmarin und Thymian. Ihre Blüten dienen vielen Insekten als Nahrung. Diese wiederum sind Futter für Wirbeltiere.
Auf feuchteren Flächen eignen sich Immergrün und Pfennigkraut, die wenig Pflege brauchen. "Man sollte unbedingt von Pestiziden und von torfhaltiger Erde absehen", sagt Ende. Pestizide würden mehr Organismen töten als beabsichtigt. Torfhaltige Erde trage zur Zerstörung der Moore bei.
Zahlreiche wissenschaftliche Projekte untersuchen die Artenvielfalt auf Friedhöfen. Der Naturschutzbund und die Universität für Bodenkultur Wien bitten um Fotos von Tieren, die dort aufgenommen wurden. "Diese Daten können wir auswerten, um zu schauen, was vorkommt und was schützenswert ist", sagt Ende. Besonders artenreiche Friedhöfe sollten seiner Ansicht nach zu Naturschutzgebieten erklärt werden.