Kaum ein Insekt hat einen so hartnäckigen Mythos zu tragen wie der Ohrwurm. Sein Name allein löst bei vielen Menschen Unbehagen aus, denn noch immer hält sich die Vorstellung, er könne nachts in menschliche Ohren kriechen, das Trommelfell durchbohren oder sogar das Gehirn erreichen. Tatsächlich ist an dieser Erzählung nichts dran. Der Ohrwurm ist ein scheues, überwiegend nachtaktives Insekt und für Menschen völlig ungefährlich. Im Gegenteil: Im Garten erweist er sich häufig als nützlicher Helfer.
Der Gemeine Ohrwurm (Forficula auricularia) gehört zur Ordnung der Dermaptera und ist in ganz Europa weitverbreitet. Erwachsene Tiere werden etwa 10 bis 16 Millimeter lang und sind an ihrer braunen Färbung sowie den auffälligen Zangen am Hinterleib leicht zu erkennen. Diese sogenannten "Cerci" sind bei den Männchen stärker gebogen als bei den Weibchen.
Entgegen der landläufigen Meinung dienen die Zangen nicht dazu, Menschen zu stechen oder zu zwicken. Sie werden vor allem zur Verteidigung, beim Beutefang, zur Paarung und zum Entfalten der dünnen Hinterflügel eingesetzt. Ein Ohrwurm kann zwar versuchen, sich mit den Zangen zu wehren, wenn er festgehalten wird, doch dies ist höchstens als leichtes Zwicken zu spüren und völlig harmlos.
Die Herkunft des Namens "Ohrwurm" ist nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich geht er auf alte Volksglauben zurück, nach denen das Insekt in Ohren kriechen würde. Eine andere Erklärung vermutet, dass die Form des ausgebreiteten Hinterflügels an das menschliche Ohr erinnert. Auch die frühere Verwendung des getrockneten Insekts in der Volksmedizin gegen Ohrenleiden könnte zur Namensgebung beigetragen haben.
Fest steht: Wissenschaftlich gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass Ohrwürmer gezielt menschliche Ohren aufsuchen. Sollte ein Tier zufällig in die Nähe eines Menschen gelangen, geschieht dies eher auf der Suche nach einem dunklen Versteck als aus Interesse am Ohr.
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Ohrwürmer sind Allesfresser und spielen im Ökosystem eine wichtige Rolle. Auf ihrem Speiseplan stehen unter anderem Blattläuse, Milben, Insekteneier und andere kleine Schädlinge. Dadurch können sie dazu beitragen, Schädlingspopulationen auf natürliche Weise zu regulieren. Ebenso fressen sie abgestorbenes Pflanzenmaterial und unterstützen so den Abbau organischer Substanz. Besonders in naturnahen Gärten gelten Ohrwürmer deshalb als wertvolle Nützlinge und sind ein wichtiger Bestandteil des biologischen Gleichgewichts.
Gelegentlich knabbern sie zwar auch an weichen Früchten wie Erdbeeren, Pfirsichen oder überreifen Äpfeln sowie an Blütenblättern. Meist handelt es sich jedoch um bereits beschädigte oder sehr reife Früchte. Der Nutzen durch die Schädlingsbekämpfung überwiegt in den meisten Gärten deutlich.
Bemerkenswert ist das Brutverhalten des Ohrwurms. Während viele Insekten ihre Eier nach der Ablage sich selbst überlassen, betreiben Ohrwurm-Weibchen intensive Brutpflege. Sie bewachen ihre Eier über den Winter, reinigen sie regelmäßig von Pilzen und Schimmel und verteidigen sie gegen Fressfeinde.
Auch nach dem Schlüpfen kümmern sich die Weibchen um ihre Jungtiere, versorgen sie mit Nahrung und beschützen sie in den ersten Lebenstagen. Dieses ausgeprägte Brutpflegeverhalten ist unter Insekten vergleichsweise selten und macht den Ohrwurm aus biologischer Sicht besonders interessant.
Ohrwürmer bevorzugen feuchte, dunkle Verstecke. Tagsüber halten sie sich unter Steinen, Rindenstücken, Totholz oder in Blumentöpfen auf. Erst in der Dämmerung werden sie aktiv und gehen auf Nahrungssuche. Wer Ohrwürmern im Garten einen Unterschlupf bieten möchte, kann einen Tontopf mit Holzwolle oder Stroh füllen und kopfüber an einem Baum oder Strauch befestigen. Solche Quartiere werden gern angenommen und können gleichzeitig helfen, Blattlauspopulationen auf natürliche Weise zu reduzieren.