Sabotage, Spionage, Putin

Gefährdungsstufe 4 von 5: Warnung an alle Österreicher

Wie sicher ist Österreich vor Putin? In einer ORF-Diskussion warnen Experten vor Spionage, Sabotage und Angriffen: "Neutralität schadet mehr".
19.10.2026, 13:36
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Wie sicher ist Österreich vor einem Angriff Russlands? In der ORF-Sendung "Das Gespräch" haben mehrere Sicherheits- und Militärexperten eindringlich vor den Gefahren durch Kreml-Kriegstreiber Wladimir Putin gewarnt.

Dabei geht es nicht nur um einen möglichen militärischen Konflikt, sondern auch um Spionage, Sabotage und gezielte Desinformation. Besonders brisant: Unsere Neutralität würde Österreich im Ernstfall nicht schützen, sagt Militäranalytiker Franz-Stefan Gady.

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"Russland ist es herzlich egal"

Gady stellte in der ORF-Diskussion die österreichische Neutralität grundsätzlich infrage: "Russland ist es herzlich egal, ob wir neutral sind oder nicht". Seine Einschätzung ist düster: Sollte es zu einem Krieg zwischen Russland und der NATO kommen, könnte auch Österreich zum Angriffsziel werden.

Militäranalytiker Franz-Stefan Gady
ORF

Dabei würde es nicht unbedingt um einen Einmarsch russischer Soldaten gehen. Vielmehr könnten strategisch wichtige Einrichtungen angegriffen werden. "Ziele wäre überwiegend die Verkehrsinfrastruktur", sagte Gady.

Gemeint sind etwa Bahnhöfe, Eisenbahnstrecken und Autobahnbrücken. Österreich ist aufgrund seiner geografischen Lage ein wichtiges Transitland für Transporte zwischen West- und Osteuropa.

Gady hatte bereits in seinem Buch "Überfall" ein mögliches Angriffsszenario innerhalb der kommenden drei Jahre beschrieben. Dabei handelt es sich allerdings um das Durchspielen eines Risikoszenarios und nicht um eine konkrete Vorhersage eines bevorstehenden Angriffs.

Österreich als wichtige Drehscheibe

Auch Bundesheer-Oberst Markus Reisner sieht Österreich in einer strategisch heiklen Position. Neben wichtigen Verkehrsverbindungen verlaufen durch das Land auch bedeutende Energieströme. In einem größeren militärischen Konflikt könnte Österreich deshalb für beide Seiten von Bedeutung sein.

Nach Ansicht der Experten befindet sich Europa derzeit in einer Grauzone zwischen Krieg und Frieden. Gady spricht von der "Vorphase eines möglichen Konfliktes". Dazu gehören unter anderem die Ausspähung wichtiger Einrichtungen und Versuche, Gesellschaften durch Desinformation zu beeinflussen.

Sicherheitsstufe bereits bei vier von fünf

Auch Österreichs oberster Sicherheitsbeamter Franz Ruf war Teil der Diskussionsrunde. Der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit verwies darauf, dass die Gefährdungsstufe in Österreich derzeit bei vier von fünf liege.

Franz Ruf, Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit
ORF

Diese Bewertung bezieht sich auf die allgemeine Sicherheitslage und unterschiedliche Bedrohungsformen, darunter Terrorismus und Extremismus, nicht auf einen unmittelbar bevorstehenden russischer Militärangriff. Dennoch: "Wir haben umfassende Maßnahmen gesetzt. Darunter Präventionsmaßnahmen im Bereich kritischer Infrastruktur".

Ruf sprach auch über die Gefahr durch ausländische Nachrichtendienste. Wien spiele aufgrund seiner internationalen Bedeutung eine besondere Rolle. Die russische Botschaft gehöre zu den größten diplomatischen Vertretungen in Österreich. "Wir gehen davon aus, dass hier in Wien Rückzugsräume geschaffen wurden", erklärte Ruf.

Die perfiden Methoden russischer Agenten

Geostrategin Velina Tchakarova warnte in der Sendung vor einer gezielten Unterwanderung staatlicher Einrichtungen: "Österreich ist infiltriert". Russische Geheimdienste würden demnach versuchen, unzufriedene Beamte anzuwerben und für die Weitergabe sensibler Informationen zu bezahlen.

Geostrategin Velina Tchakarova
ORF

Moskau würde auch politische Bewegungen unterstützen, die die russische Stoßrichtung teilen und damit eigene Interessen durchsetzen, oder dem Kreml unangenehme Parteien zu schwächen. Dazu würde das Vertrauen in staatliche Institutionen konsequent unterminiert.

Eine weitere Methode seien sogenannte "Wegwerfagenten". Dabei würden Personen beispielsweise über den Messengerdienst Telegram für einzelne, kleinere Aufträge angeworben. Solche Aktionen könnten nach Einschätzung Tchakarovas mit geringem finanziellen Aufwand erheblichen Schaden verursachen.

"Kein russischer Geheim- oder Nachrichtendienstler muss dabei auch nur einen Fuß nach in das Zielland setzen, sondern er kann das bequem aus der Distanz machen", betont Oberst Reisner.

Schweineköpfe vor Moscheen

Eines der vielen dokumentierten Beispiele in Europa: "Vor einem Jahr wurde bekannt, dass Russland versucht hat, mithilfe der organisierten Kriminalität Serbiens, Aktionen in Paris durchzuführen. Es wurden abgeschnittene Schweineköpfe und Schweineblut vor Moscheen ausgebracht, um Muslime nach dem Freitagsgebet aufzuwiegeln." Hier hätten sich serbische Kriminelle als solche "Wegwerfagenten" verdingt.

Das Beispiel zeige, wie rasch und wie schnell solche Aktionen durchgeführt werden können – "mit Folgen, die man nicht abschätzen kann". Ruf ergänzte, dass in den vergangenen drei Jahren 14 Personen aus Österreich ausgewiesen worden seien.

Oberst warnt vor Blackout in Europa

Eine besonders ernste Gefahr sieht Reisner in möglichen Sabotageaktionen gegen die kritische Infrastruktur. Denn: Deutschland und Italien setzen inzwischen Maßnahmen, um genau diese Einrichtungen zu schützen. Zieht Österreich nicht nach, wird es zur Schwachstelle. Aufgrund der zentralen Lage ist unsere Alpenrepublik nicht nur diplomatische Drehscheibe, sondern auch für das europäische Energienetz.

So könnten Stromtrassen in Tirol zerstört werden, um Deutschland oder Italien zu schaden. "Dann haben wir die Situation, dass es zu einem Blackout kommen kann. Auf das muss man sich vorbereiten", so der Berufsoffizier. Er warnt vor einem Kaskadeneffekt: "Das kann im schlimmsten Fall heißen, dass ganz Europa ohne Strom dasteht."

Höchstspannungsnetz der APG, 380-kV-Ring, Stand 2025
Wikimedia/Lencer, CC BY-SA 3.0

Österreich ist gleich doppelt wichtig für die europäische Stromversorgung: Unsere nicht ganz geschlossene 380-kV-Hochspannungsring habe eine zentrale Rolle bei der Steuerung der Energieflüsse.

Und: Durch unsere Wasserkraftwerke ist unsere Alpenrepublik wie eine Batterie. "Wir würden im Falle eines Blackouts helfen, Zentraleuropa wieder hochzufahren", erklärt Reisner: "Darum ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Gegner, der das ja weiß, versucht, dort anzugreifen." Es gelte daher Resilienz aufzubauen und Maßnahmen zu treffen, dass so etwas niemals passieren könne.

"Es reichen 1000 Trolle"

Für Reisner ist der Kampf um Informationen allerdings schon jetzt von enormer Bedeutung. Russland müsse nicht mit einer Panzerarmee nach Wien oder Berlin vorrücken, um Schaden anzurichten. "Es reichen 1000 Trolle. Die sind mehr wert als hunderttausend Soldaten."

Damit meint der Militärstratege den Einfluss koordinierter Desinformationskampagnen, mit denen Misstrauen gesät und gesellschaftliche Konflikte verschärft werden können.

Experten streiten über Neutralität

Besonders kritisch bewertet Gady den "unehrlichen" Umgang mit der Neutralität gegenüber der Bevölkerung: "In einem hybriden Szenario wie auch in einem aktiven konventionell-militärischen Szenario schadet die Neutralität mehr als sie nützt."

Die Neutralität wiege Österreich in einer "falschen Sicherheit". Den Kreml-genehmen Forderungen einer FPÖ nach Einstellung aller Russland-Sanktionen und einem Stopp der Ukraine-Unterstützung kann Gady deshalb nichts abgewinnen.

Das Kuschen unter dem Fähnchen der Neutralität würde uns im Ernstfall nicht helfen: "Russland ist es herzlich egal, ob wir neutral sind oder nicht. In einem militärischen Konflikt mit der NATO sind wir aus verschiedensten Gründen – Geografie, Infrastruktur, etc – sehr relevant für Russland." Russland würde Österreich deshalb "mit sehr großer Wahrscheinlichkeit" ebenfalls angreifen.

Die Neutralität könne Österreich im Ernstfall sogar schaden, weil wir uns nicht gemeinsam mit unseren europäischen Partnern darauf vorbereiten könnten. Und: Im Bereich der Luftraumverteidigung sei unser Land auf Daten der Nachbarn angewiesen – ein Informationsfluss der während eines Kriegs Russlands gegen die NATO gekappt würde.

Die Gefahr: "Wenn eine russische Rakete oder Drohne im Anflug wäre, würden wir die mit unseren eigenen Sensoren und Radarsystemen zu spät sehen."

Für Gady ist ein solches Szenario Anstoß für eine neue Diskussion: "Wir müssen die Neutralität nicht aufgeben, aber sie neu definieren. Wir müssen durchdenken, was es konkret bedeuten würde, wenn ein militärischer Ernstfall eintritt. Es genügt nicht, zu sagen, wir sind neutral. Das ist das Pendant zu einer Vogel-Strauß-Politik, also den Kopf in den Sand zu stecken."

"Wir sind gegenüber Russland vielleicht neutral, aber Russland ist uns gegenüber nicht neutral – und das muss in der Gesellschaft ankommen", hielt auch Geostrategin Tchakarova dazu fest. Die hybriden Angriffe auf Europa seien die Bestätigung: "Russland führt diesen Krieg mit anderen Mitteln – weil es will und weil es kann. Wir sind im Krieg, ob wir es wollen, oder nicht."

Militärstratege und Oberst des Bundeheeres Markus Reisner
ORF

Oberst Markus Reisner lieferte stoisch die Bundesheer-Perspektive: "Die österreichische Neutralität ist das Ergebnis eines historischen gesellschaftlichen Prozesses und ist zu akzeptieren. Es bringt überhaupt nichts, darüber zu diskutieren, denn das ist – im Moment – der Wunsch der Bevölkerung."

Seine entscheidende Anmerkung: Sicherheitslagen sind nicht in Stein gemeißelt. "Jetzt hat der Österreicher das Gefühl, die Neutralität schützt ihn und er braucht sich keine Sorgen machen. Aber wenn sich das verändert, wird der Österreicher sehr schnell das Gefühl bekommen, dass es nicht so ist. Das wird erst im Anlassfall der Fall sein", so der Militärhistoriker.

Militärischer Krieg weiterhin unwahrscheinlich

Bei allen Warnungen gab es in der Sendung auch eine deutlich beruhigendere Einschätzung. Geostrategin Tchakarova betonte, dass die Wahrscheinlichkeit eines direkten militärischen Konflikts zwischen Russland und europäischen Staaten weiterhin sehr gering sei: "Das ist eine gute Nachricht!"

Russland sei derzeit nicht in der Lage, gleichzeitig in zwei geografisch getrennten Regionen einen großen Krieg zu führen, argumentierte sie.

Auch Reisner rief die Bevölkerung dazu auf, sich zwar zu informieren und vorzubereiten, aber nicht in Panik zu verfallen. Denn Angst und Verunsicherung könnten selbst zu Werkzeugen hybrider Kriegsführung werden.

Hoffnung auf Waffenstillstand in der Ukraine

Zum Ende der Diskussion sprach Reisner auch über die Aussichten auf ein Ende des Ukrainekrieges. Er hält eine Einigung oder einen Waffenstillstand derzeit für wahrscheinlicher als zuvor. Als Grund nannte er die zunehmende Distanz der USA zum Konflikt.

Allerdings warnte er zugleich davor, dass Russland seine hybriden Aktivitäten in Europa verstärken könnte, sollte es seine Ziele in der Ukraine nicht erreichen.

Die zentrale Botschaft der Expertenrunde: Österreich ist aufgrund seiner Lage und seiner Infrastruktur keineswegs automatisch vor internationalen Konflikten geschützt.

Ein direkter russischer Angriff gilt nach den in der Sendung geäußerten Einschätzungen zwar nicht als unmittelbar bevorstehend. Die Gefahren durch Spionage, Sabotage und Desinformation beschäftigen Österreichs Sicherheitsexperten jedoch schon jetzt.

red, 19.10.2026, 13:36