Hat die Ukraine mit ihren Drohnenangriffen auf russische Rechenzentren auch Putins Propaganda-Netzwerke lahmgelegt? Genau das legt Präsident Wolodymyr Selenskyj nahe. Nach den Angriffen auf Einrichtungen des russischen Internetkonzerns Yandex habe sich die Stimmung in sozialen Netzwerken schlagartig verändert.
"Als unsere Angriffe die Rechenzentren von Yandex erreichten, konnte man auf vielen sozialen Plattformen plötzlich etwas leichter durchatmen", erklärte Selenskyj am Montag beim Warsaw Security Forum. Viele Menschen hätten das bemerkt. "Es gab weniger Hass, weniger Spaltung und weniger Provokationen."
Die Erklärung des ukrainischen Präsidenten: "Weil es weniger Bots gab." Für Selenskyj ist auch deren Herkunft offensichtlich. Wenn die automatisierten Konten verschwunden seien, sobald Yandex ausgefallen war, zeige das, woher sie gekommen seien.
Die britische Nachrichtenplattform "The London Economic" greift diese Darstellung auf und berichtet über einen massiven Einbruch automatisierter Internetaktivitäten nach den ukrainischen Angriffen. Demnach sollen auch zahlreiche weit rechts stehende Konten in Europa deutlich an Reichweite verloren haben.
Betroffen ist der Technologiekonzern Yandex, das russische "Google", der mit seiner Suchmaschine mehr als 70 Prozent des russischen Suchmarktes kontrolliert. Durch die Attacken wurden zahlreiche Internetdienste beeinträchtigt. Auch Onlinezahlungen, Bankgeschäfte und digitale Taxidienste sollen zeitweise nicht funktioniert haben.
Besonders spektakulär ist allerdings eine andere Zahl: Laut Daten des Internetdienstleisters Cloudflare sank der automatisierte Datenverkehr aus dem Yandex-Netzwerk zeitweise auf nur noch 0,4 Prozent des höchsten Werts der vergangenen zwei Wochen.
Das britische Medium sieht darin Hinweise darauf, dass durch die Angriffe auch russische Propaganda-Netzwerke empfindlich getroffen worden sein könnten.
Der französische Desinformationsforscher David Colon beobachtete demnach einen auffälligen Rückgang bei der Verbreitung russischer Propaganda. Besonders betroffen sollen Konten sein, die Inhalte der russischen Einflussoperation Storm-1516 verbreiten.
Beiträge, die zuvor ein Millionenpublikum erreichten, sollen plötzlich nur noch wenige Tausend oder sogar deutlich weniger Aufrufe erzielt haben.
Auch in Großbritannien sorgten auffällige Veränderungen für Diskussionen. In einem weiteren Bericht beschreibt "The London Economic", dass Beiträge prominenter Politiker der rechten Partei Reform UK nach den Angriffen ungewöhnlich wenig Aufmerksamkeit erhielten.
So erreichte ein Video von Parteichef Nigel Farage trotz seiner rund 2,3 Millionen Abonnenten auf X nach drei Stunden lediglich 60.000 Aufrufe. Auch Beiträge anderer Reform-Politiker blieben laut dem Bericht deutlich unter früheren Werten.
Ob diese Unterschiede tatsächlich durch den Ausfall russischer Rechenzentren verursacht wurden, ist allerdings nicht geklärt.
Der Zeitpunkt ist jedenfalls brisant: Am 3. November finden in den USA die Kongresswahlen statt. Sollte die Ukraine tatsächlich russische Einflussnetzwerke getroffen haben, könnte das auch für den politischen Meinungskampf in den USA von Bedeutung sein.
So auffällig der zeitliche Zusammenhang ist, so umstritten ist die Schlussfolgerung. Denn die technischen Daten beweisen keineswegs, dass ukrainische Drohnen tatsächlich russische Propaganda-Bots massenhaft ausgeschaltet haben.
Das US-Technologieportal "The Verge" verweist auf einen entscheidenden Unterschied: Die Messungen von Cloudflare betreffen automatisierte Internetanfragen aus dem Netzwerk von Yandex. Dazu gehören vor allem sogenannte Webcrawler, die Internetseiten für Suchmaschinen erfassen.
Solche Programme sind zwar ebenfalls Bots, haben aber nicht automatisch etwas mit politischen Fake-Accounts zu tun, die auf X oder Facebook Propaganda verbreiten. Die Daten hätten "nichts mit sozialen Medien zu tun", erklärte dazu der bekannte Aufdecker von Trollfarmen, antibot4navalny.
Noch wichtiger: Laut Cloudflare blieb die gesamte automatisierte Internetaktivität aus Russland während der Angriffe weitgehend unverändert. Der massive Einbruch beschränkte sich auf das Netzwerk von Yandex.
Zusätzliche Zweifel gibt es an Grafiken, die im Internet einen angeblichen Einbruch der Bot-Aktivität rund um die deutsche AfD zeigen sollen.
Der Informatiker Raphael Wimmer entdeckte darin auffällige Fehler. Eine der verbreiteten Darstellungen enthält sogar einen Datenpunkt vom 15. Oktober 2026, obwohl dieses Datum noch in der Zukunft liegt. Die Herkunft der Grafik ist ungeklärt.
Damit gibt es bisher keinen belastbaren Beweis, dass die ukrainischen Angriffe tatsächlich die Reichweite rechter Parteien in Europa oder den USA beeinträchtigt haben.
Unbestritten ist allerdings, dass die ukrainischen Drohnenangriffe erhebliche Schäden an der russischen Digitalinfrastruktur verursacht haben. Die Ausfälle bei Yandex zeigen, wie verwundbar zentrale Internetdienste durch gezielte Attacken auf Rechenzentren sind.
Selenskij sieht darin offenbar noch einen ganz anderen Erfolg. Für ihn ist der Rückgang von Hass und Provokationen im Internet ein Hinweis darauf, wo ein Teil der digitalen Stimmungsmache seinen Ursprung hat.
Ob die ukrainischen Drohnen tatsächlich auch Putins Propaganda-Armee getroffen haben, bleibt vorerst offen. Der auffällige zeitliche Zusammenhang allein reicht als Beweis nicht aus.