TikTok statt Arzt

Immer mehr Junge lassen sich von Influencern "heilen"

Immer mehr junge Menschen lassen sich von Influencern "medizinisch beraten" und riskieren Fehldiagnosen, unnötige Ausgaben und Gesundheitsschäden.
Heute Life
08.02.2026, 06:45
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Sie empfehlen Tests, Vitamine und "Wundermittel" – und Millionen hören zu. Eine neue Analyse warnt: Sogenannte Gesundheits-Tipps von Influencern können Fehldiagnosen, unnötige Ausgaben und sogar echte Schäden verursachen – besonders bei jungen Menschen.
Eine Arbeitsgruppe um den Innsbrucker Wissenschaftler Raffael Heiss warnt im British Medical Journal (BMJ): Medizinische Ratschläge auf Social Media seien oft verzerrt – durch fehlende Ausbildung, Werbung, persönliche Überzeugungen oder knallharte Geschäftsinteressen.
Das Problem: Viele Nutzer merken nicht einmal, dass sie gerade Marketing statt Medizin konsumieren.

Die Zahlen sind alarmierend

Studien zeigen, dass auf Social Media medizinische Inhalte oft einseitig dargestellt werden. So betonen 87 Prozent der Beiträge zu medizinischen Tests (z. B. Darmmikrobiomtests) vor allem die Vorteile – nur 15 Prozent erwähnen mögliche Risiken.
Noch heftiger wird es bei Nahrungsergänzungsmittel. In Deutschland zeigte eine Untersuchung: Zwei Drittel der von Influencern empfohlenen Dosierungen lagen über den nationalen Sicherheitsgrenzen. Hier geht's zur Studie.

Junge Menschen besonders beeinflussbar

Der Einfluss ist groß – vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In den USA folgen mehr als 70 Prozent der jungen Erwachsenen Influencern, und über 40 Prozent haben sich schon zum Kauf eines Produkts verleiten lassen.

Auch in Österreich zeigt sich der Trend deutlich:

  • 83 Prozent der 15- bis 25-Jährigen sehen gesundheitsbezogene Inhalte von Influencern
  • fast jeder Dritte hat daraufhin Nahrungsergänzungsmittel gekauft
  • 13 Prozent kauften Medikamente
  • 11 Prozent machten medizinische Selbsttests

Riskante Trends statt medizinischer Fakten

Heiss verweist auch auf erste experimentelle Studien: In einer Untersuchung mit rund 1.500 Teilnehmenden der Generation Z führte fehlerhafte oder übertrieben präsentierte Gesundheitskommunikation dazu, dass junge Menschen medizinische Aussagen schlechter einschätzen konnten.

Zudem stieg die Bereitschaft, riskante Trends auszuprobieren – etwa:

  • extreme Diäten wie die "Carnivore-Diät"
  • "Dry Scooping" (Fitnesspulver ohne Wasser direkt in den Mund)

Warum passiert das? 4 Hauptgründe

Das Team aus Innsbruck nennt vier typische Ursachen, warum Influencer-Health-Content so oft problematisch ist:

  • fehlende medizinische Ausbildung
  • Industrieeinfluss und Werbung
  • eigene Geschäftsinteressen (z. B. eigene Supplements)
  • pseudowissenschaftliche oder ideologische Überzeugungen

Viele Influencer pushen etwa hochdosierte Vitamin-D-Präparate – ohne gesicherte Grundlage.

Werbung oft nicht richtig gekennzeichnet

Ein weiterer Punkt: bezahlte Kooperationen. Ein Bericht der britischen Werbeaufsicht schätzt, dass nur 57 Prozent der Werbeinhalte von Influencern auf Instagram und TikTok ausreichend gekennzeichnet waren.

So erkennst du Fake-Health-Influencer

1. Keine Ausbildung – aber große Versprechen
Wenn jemand keine medizinische Qualifikation hat, aber trotzdem Diagnosen stellt oder Therapien empfiehlt: Vorsicht.

2. "Wunderheilung" statt Fakten
Sätze wie "heilt garantiert", "100 % sicher" oder "die Ärzte wollen das nicht" sind klassische Red Flags.

3. Alles ist Werbung
Wenn fast jedes Video mit Rabattcode, Link oder Produkt endet, geht’s meist ums Geld – nicht um deine Gesundheit.

4. Risiken werden nicht erwähnt
Seriöse Infos sprechen auch über Nebenwirkungen, Grenzen und Unsicherheiten. Fake-Content verkauft nur Vorteile.

5. Extreme Dosierungen & Trends
Hochdosierte Vitamine, Detox-Kuren, Crash-Diäten oder gefährliche Challenges sind ein klares Alarmsignal.

6. "Ich hab’s selbst gemacht" als Beweis
Persönliche Erfahrungen sind keine Studien. Anekdoten ersetzen keine medizinische Evidenz.

7. Angst als Verkaufsstrategie
Wenn du nach dem Video plötzlich denkst, du bist krank – und brauchst dringend ein Produkt: Genau so funktioniert Manipulation.

Forderung nach strengeren Regeln

Die Arbeitsgruppe fordert klare Maßnahmen: strengere Verantwortung für Plattformen, verpflichtende Werberegeln, Verhaltenskodizes, Sanktionen bei Verstößen sowie bessere Ausstattung von Faktencheckern. Plattformen sollen zudem stärker mit medizinischen Faktenprüfern kooperieren und Influencer zu Schulungen verpflichten.

{title && {title} } red, {title && {title} } 08.02.2026, 06:45
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