Rechtsstreit im Gemeindebau

"Täglich 12 Stunden Lärm" – Showdown vor Gericht

Marco und Petra B. kämpfen gegen anhaltenden Lärm – und gegen die Kündigung ihres Mietvertrags. Es ist der erste von vier anhängigen Prozessen.
Aram Ghadimi
09.02.2026, 05:30
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Im August 2025, bei spätsommerlichen Temperaturen, sorgt eine digitale Benachrichtigung bei Marco und Petra B. für Schockstarre: "Es ist kaum zu glauben! Nach all dem Terror gegen uns, dann auch noch das." Während Marco B. beginnt, die Umstände zu schildern, kämpft seine Partnerin um ihre Fassung – in seinen Händen hält er die gerichtliche Aufkündigung des gemeinsamen Mietvertrags.

"Wir sind nervlich völlig am Ende", sagte Marco B. damals zu "Heute". 2024 waren die beiden in einen Gemeindebau in Pottenstein gezogen – "klassisch, 70er-Jahre Betonplatten", wie B. schildert. Nun wird ein Gerichtsprozess darüber entscheiden, ob das Paar in der eigenen Wohnung bleiben darf. "Wir legen unseren letzten Schriftsatz in dieser Sache bei", schrieben die beiden an "Heute".

"Unser Nachbar trampelt seit einer Woche wieder Vollgas auf unsere Decke, bis vor Kurzem war er zwar aktiv, aber wesentlich weniger." Nach zwei "Heute"-Berichten zum Fall sei der Lärm deutlich gesunken. "Durch das ständige laute Trampeln kann ich keine Nacht mehr schlafen", sagte Petra B. damals. Mittlerweile geht es aber um einen komplexeren Nachbarstreit mit vier anhängigen Verfahren vor dem Bezirksgericht Baden.

So betreibe der spazierfreudige Nachbar von oben eine Unterlassungsklage gegen die beiden wegen ihrer Rauchgewohnheiten – Streitwert 12.350 Euro. Ihm und einer weiteren Person gegenüber begehren Marco und Petra B. die Unterlassung wegen Ruhestörung – Streitwert 800 Euro. Des Weiteren klagte das Paar die Pottensteiner Kommunalbetriebs GmbH & Co KG (PKG) im Streit um den Einbau eines Ventilators. Und schließlich ist da noch die besagte Aufkündigung der PKG gegen die beiden mit einem Streitwert von insgesamt 1.500 EUR.

„Es wird einen Gerichtsprozess geben. Unsere Aufkündigung haben wir nicht grundlos ausgesprochen.“
Monika LetićGeschäftsführerin Pottensteiner Kommunalbetriebs GmbH

"Heute" liegt die gerichtliche Kündigung der Gemeinde vor. Darin wird dem Paar "grob rücksichtsloses Verhalten" vorgeworfen. Dabei waren es Marco und Petra B., die in unzähligen E-Mails, Briefen und Telefonaten darauf verwiesen, dass die Situation in ihrer Gemeindewohnung unerträglich geworden ist.

Bereits am ersten Tag nach ihrem Einzug habe es Schreie in der Wohnung über ihnen gegeben, erinnert sich Marco B. und erzählt, wie er damals versucht habe, die Nachbarn schräg oben zu unterstützen: "Das war der Beginn unserer Auseinandersetzung mit den Herrschaften im vierten Stock."

"Terror durch Holzschuhe"

Auf das kurze Intermezzo am Flur folgt ein monatelanger Streit. Was er dann erzählt, hört sich wie der Beginn eines Horrorfilms an: "Herr K., der mit seiner Frau über uns wohnt, hat sich offenbar Holzschuhe angezogen. Dann ging das Trampeln los – oft zwölf Stunden am Tag. Das ist unerträglich."

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Die Partnerin von Marco B. leide unter einer bipolaren Störung und kämpfe mit depressiven Episoden. "Sie muss deshalb Beruhigungsmittel nehmen", sagt B.: "Doch, egal, was wir machen, die Hausverwaltung glaubt uns einfach nicht." Mittlerweile hat das Paar seitenweise Aufzeichnungen angefertigt, alles festgehalten – den täglichen "Trampelpfad", die Zeitpunkte, Intensität und Art der Störungen – fein säuberlich in einem 18-seitigen Dokument aufbereitet. Eine Vorbereitung auf den Gerichtsprozess am Dienstag.

Ein Schaubild aus der umfangreichen Dokumentation von Familie B.
privat

Hausverwaltung sieht Grenze erreicht

Mitte 2025 hieß es von der PKG, dass es dem Paar freistünde, rechtliche Schritte einzuleiten. Es sei nicht Aufgabe der Hausverwaltung. Dann hatte die Hausverwaltung offenbar selbst Rechtsweg gewählt – aber nicht gegen die Nachbarn, sondern gegen Familie B.

Im Sommer wollte "Heute" von Monika Letić, der Geschäftsführerin der Pottensteiner Kommunalbetriebs GmbH (PKG), wissen, was sie dazu bewegt hat, Familie B. per Klage zu kündigen. Damals hatte Letić festgestellt: "Grundsätzlich ist die Hausverwaltung nicht verpflichtet, bei Nachbarschaftsstreitigkeiten zu handeln." Die anhaltenden Einwände von Familie B. seien aus Sicht der PKG nicht mehr nachvollziehbar.

Der "Trampelpfad" der Nachbarn von oben, dokumentiert von Marco und Petra B.
privat

Als Gemeinde habe man ohnehin strengste Vorgaben, man sei sozial und auf Gemeinwohl ausgerichtet, doch im vorliegenden Fall läge das Problem bei den Mietern selbst: Fast täglich seien Mails gekommen: "Egal, wie wir dem nachkommen, die Flut an Beschwerden riss nicht ab", sagt Letić.

Gelassen zum Gerichtstermin

"Ich nehme es mittlerweile gelassen, denn wir haben alles Menschenmögliche versucht", sagt die Geschäftsführerin der PKG vor dem finalen Showdown am Dienstag. Dann werde endlich ein Gericht über den Fall entscheiden, der sie und ihre Vorgängerin so intensiv und lange beschäftigt habe.

"Helfen, Schlichten, alles haben wir versucht. Sogar einen Gesprächstermin für eine außergerichtliche Einigung haben wir angeboten", schießt es aus Letić heraus. Ihre Aufregung ist hörbar, als sie auf weitere Nachfrage von "Heute" die Details nennt: "Vier Monate Kündigungsfrist, davon die letzten drei Monate komplett mietfrei und 1.500 Euro in Form eines Gutscheines für eine Umzugsfirma."

"Das werde ich nie vergessen", sagt Letić: "Marco B. hat nur laut gelacht. Seine Worte haben sich bei mir für immer eingebrannt – 'wir wollen viel, viel mehr. 50.000 Euro, dann ziehen wir aus' – das hat er wirklich gesagt." Marco B. erklärt demgegenüber: "Ja, das habe ich rausgehauen, weil das alles so verrückt war." Zwei Wochen habe er mit seiner Partnerin noch einmal das Gespräch gesucht, um vielleicht doch zu einer außergerichtlichen Einigung zu gelangen.

Der finale Showdown

An diesem Punkt waren die Würfel gefallen, die Verhandlungsbereitschaft der PKG vorbei: "Unsere Möglichkeiten als kommunaler Dienstleister sind ausgeschöpft", sagt Letić. Sie habe noch Angebote für Wohnungen durchgeschickt, doch "an einer Fortführung sind wir nicht interessiert. Denn, wenn etwas gegriffen hätte, dann hätten auch wir gerne den Vertrag fortgeführt."

Zurück im Gemeindebau von Familie B.: Noch immer stehe der Rollator der Nachbarn im Flur, doch das jetzt das geringste Problem, sagt Marco B.: "Die Nachbarn haben ihren Streitwert in die Höhe getrieben – 12.350 Euro wollen die. Auch das lassen wir uns nicht gefallen! Wir bleiben dabei. Wir wollen Gerechtigkeit."

{title && {title} } agh, {title && {title} } Akt. 09.02.2026, 10:44, 09.02.2026, 05:30
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