Ein Linzer Start-up bringt ein eigenes KI-Modell auf den Markt. Talos-1 soll Unternehmen bei komplexen Arbeitsabläufen unterstützen und dabei deutlich weniger Rechenleistung benötigen als herkömmliche Modelle. Entwickelt wurde es vom JKU-Spin-off Ablatic AI, betrieben wird es ausschließlich auf europäischer Infrastruktur.
Verträge analysieren, Formulare ausfüllen und Daten zwischen verschiedenen Programmen übertragen: Das soll Talos-1 selbstständig erledigen können. Das Sprachmodell des Linzer Unternehmens Ablatic AI ist seit 15. September 2026 für Firmen verfügbar. Nach einem Testbetrieb mit mehr als 100 Unternehmen startet das Modell damit in den regulären Einsatz.
Der technische Schwerpunkt liegt auf einer eigens entwickelten Modellarchitektur. Laut Ablatic AI benötigt Talos-1 bis zu 14-mal weniger Rechenleistung als herkömmliche Sprachmodelle vergleichbarer Größe. Beim Verarbeiten von Antworten sollen zudem bis zu 79-mal weniger Daten durch den Speicher bewegt werden.
Der Vorteil soll vor allem bei langen Dokumenten zum Tragen kommen. Bei 256.000 Tokens, was laut Unternehmen ungefähr 500 Seiten entspricht, soll die Architektur einen achtfachen Vorteil erreichen. Bei einer Million Tokens steigt dieser demnach auf das 14-Fache.
Zum Marktstart kann Talos-1 bis zu 200.000 Tokens am Stück verarbeiten. Eine Erweiterung auf 512.000 Tokens ist noch für 2026 geplant. Langfristig soll das Modell eine Million Tokens bewältigen können. Tokens sind einzelne Textbausteine, aus denen Sprachmodelle Informationen verarbeiten. Die tatsächliche Anzahl der Wörter pro Token variiert je nach Text.
"Von Beginn an war uns klar, dass wir zuerst die Kosten für die Entwicklung und die Betreibung senken müssen, wenn wir konkurrenzfähig sein wollen", sagt Julian Mauerkirchner, CTO und Mitgründer von Ablatic AI.
Ablatic AI verweist auf Ergebnisse in öffentlichen Benchmarks, mit denen die Fähigkeiten von KI-Modellen verglichen werden. Beim Test Toolathlon, der Aufgaben mit Software wie E-Mail, Kalender und Tabellen prüft, erreicht Talos-1 laut Unternehmen 74,4 Prozent. Claude Opus 5 von Anthropic kommt demnach auf 80,6 Prozent, GPT-5.6 Sol von OpenAI auf 74,9 Prozent.
Beim IFBench-Test zum präzisen Befolgen schriftlicher Anweisungen gibt Ablatic AI für Talos-1 einen Wert von 82,2 Prozent an. Damit liege das Modell vor den genannten Vergleichsmodellen GPT-5.6 Sol, DeepSeek V4 Pro und GLM-5.3. Beim Auslesen von Dokumenten mit Tabellen und Formeln erreicht Talos-1 laut den veröffentlichten Angaben 90,8 Prozent.
Ein wesentlicher Schwerpunkt ist die europäische Datenverarbeitung. Talos-1 wird laut Ablatic AI ausschließlich in Rechenzentren in Österreich und der Europäischen Union betrieben. Trainiert wurde das Modell auf europäischen Hochleistungsrechnern im Rahmen des EuroHPC-Programms und der AI Factory Austria AI.
Das Unternehmen erklärt, dass Kundendaten nicht für das Training des Modells verwendet werden. Ablatic AI tritt nach eigenen Angaben als Auftragsverarbeiter gemäß Artikel 28 der Datenschutz-Grundverordnung auf.
Für Unternehmen soll außerdem der Wechsel möglichst einfach sein: Talos-1 wird über eine OpenAI-kompatible Schnittstelle angeboten. Anwendungen, die bereits eine entsprechende Schnittstelle nutzen, könnten dadurch ohne umfangreiche Umbauten auf das Modell umgestellt werden. Talos-1 kann Text, Bilder, Videos und Dateien verarbeiten und Text als Antwort ausgeben. Drei Stufen der Denktiefe lassen sich pro Anfrage auswählen.
Ablatic AI nennt für Talos-1 folgende Preise: Eine Million verarbeitete Eingabe-Tokens kostet einen Euro. Für eine Million erzeugte Ausgabe-Tokens werden vier Euro verrechnet. Zwischengespeicherte Eingabe-Tokens kosten zehn Cent pro Million. Unternehmen können über die Website von Ablatic AI Kontakt aufnehmen. Laut Anbieter erhalten sie innerhalb eines Werktags eine Rückmeldung. Der Einstieg ist zunächst über ein Pilotprojekt mit einem konkreten Anwendungsfall vorgesehen. Eine Selbstregistrierung für die Schnittstelle soll folgen, sobald die Serverkapazitäten erweitert wurden.
Ablatic AI wurde 2025 gegründet und ist ein Spin-off der Johannes Kepler Universität Linz am LIT Open Innovation Center. Hinter dem Unternehmen stehen Florian Zimmermann und Julian Mauerkirchner. Die Entwicklung von Talos-1 wurde durch den Zugang zu europäischen Hochleistungsrechnern unterstützt. Für das Start-up soll die effizientere Architektur nicht nur die laufenden Kosten senken, sondern auch die Entwicklung großer Sprachmodelle mit begrenzteren Ressourcen ermöglichen.