Heidi Klum sieht in ihrem ADHS keinen Nachteil, sondern eine Superkraft. Doch für die meisten Menschen mit ADHS ist der Alltag alles andere als einfach.
Prinzipiell sei es gut, dass Stars wie Heidi Klum das Thema in die Öffentlichkeit bringen, erklärt Jobcoach Christian Lüber gegenüber "20 Minuten". Das trage zur Entstigmatisierung bei. Allerdings warnt sie auch: "Nicht alle Menschen funktionieren wie Heidi Klum. Die allerwenigsten können ihr ADHS wirtschaftlich zu ihren Gunsten nutzen."
Psychotherapeutin Romina Reginold sieht das ähnlich. Offenheit über ADHS sei wichtig, aber die Darstellung als reine Superkraft könne die Belastung für viele Betroffene verharmlosen. Denn im Berufsleben würden viele mit ganz anderen Herausforderungen kämpfen.
Menschen mit ADHS sind oft besonders kreativ, denken blitzschnell und können sich für Aufgaben richtig begeistern, erklärt Reginold. Wenn sie etwas wirklich interessiert, geraten sie in einen sogenannten Hyperfokus – da sind sie voll dabei. Aber: Selbstorganisation, Zeitmanagement und das Setzen von Prioritäten fallen ihnen oft schwer. Außerdem sind Ablenkbarkeit und Impulsivität ständige Begleiter.
Lüber betont: "ADHS ist so vielfältig, dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann." Was bei einem eine Stärke ist, kann für den anderen ein Stolperstein werden. "Viele wissen genau, was sie nicht können – das lernen sie oft schon in der Schule, wenn sie anecken." Die eigenen Stärken zu erkennen, das braucht oft Zeit.
"Ein großer Teil der Betroffenen ist eher ruhig", sagt Lüber. Besonders bei Frauen bleibt ADHS oft lange unerkannt, weil sie sich gut anpassen und die Unruhe nach innen richten. Viele merken erst als Erwachsene, dass sie betroffen sein könnten. "Und dann laufen sie vielleicht schon in Richtung Burnout oder Depression, ohne zu wissen, warum."
Reginold meint: "Eine späte Diagnose kann enorm entlastend sein. Plötzlich lassen sich häufige Jobwechsel oder scheinbare Unzuverlässigkeit besser einordnen." Das nimmt Druck und Selbstzweifel. Gleichzeitig kann die Diagnose aber auch Trauer über verpasste Chancen und fehlende Unterstützung auslösen.
Die Entstigmatisierung hat viele positive Seiten – birgt laut Reginold aber auch Risiken: "Social Media und populärwissenschaftliche Inhalte können zu Übervereinfachung und Selbstdiagnosen führen, die nicht immer zutreffen." Immer mehr Menschen hätten das Gefühl, betroffen zu sein. Eine Gefahr dabei sei, dass wirklich Betroffene nicht mehr ernst genommen werden. Bei einer fachlichen Abklärung wird laut Reginold untersucht: Wie lange bestehen die Symptome schon? Welche Lebensbereiche sind betroffen? Wie stark ist der Leidensdruck? Und wichtig sei, "ob die Symptome nicht auf eine andere psychische Erkrankung zurückzuführen sind". Eine offizielle Diagnose schaffe Klarheit und sei Voraussetzung, wenn man eine medikamentöse Behandlung anstrebe. "Aber auch ohne Diagnose kann man schon unterstützende Anpassungen vornehmen", sagt Reginold.
Lüber nennt die Diagnose eine "emanzipatorische Geschichte": "Viele erkennen erst dann, was ihre Stärken sind. Sie setzen sich für ihre eigenen Bedürfnisse ein und wollen ihre Persönlichkeit endlich leben." Für manche ist das der Start in ein ganz neues Leben, sogar mit beruflicher Neuorientierung. "Aber nicht allen gelingt es, sich von den Fesseln zu lösen. Das braucht Mut und Kraft."
Ob man der Chefin oder dem Chef von der Diagnose erzählen soll, ist eine Frage des Vertrauens, sagt Lüber. "Wir empfehlen, das in unserer Praxis offenzulegen und damit ein Grundvertrauen aufzubauen."
Wichtig ist dabei die richtige Haltung: "ADHS ist keine Ausrede dafür, dass man zum Beispiel Dinge vergisst. Aber es ist eine Erklärung." Das kann für mehr Verständnis sorgen – vor allem in Betrieben, die offen für Vielfalt im Denken sind. "Versteht der Betrieb es nicht, hätte es wahrscheinlich auch ohne Diagnose früher oder später Diskussionen gegeben."
Bis zur ADHS-Abklärung muss man nicht untätig bleiben, sagt Lüber: "Es gibt viele Podcasts und Infoquellen, wo man sich schlau machen kann – wie zum Beispiel die Videoakademie von adhs20plus. Auch das Gespräch mit dem eigenen Umfeld hilft. Und das Wissen, dass man nicht allein ist." "Man kann auch schon vor einer Diagnose viel Entlastung erleben", sagt Reginold. Strukturierende Hilfsmittel, Pausenmanagement und Techniken zur Priorisierung kann man gleich ausprobieren. "Auch ein Gespräch mit Vorgesetzten oder eine Begleitung durch einen Psychotherapeuten kann ein erster Schritt sein."
Mit Hobbydiagnosen sollte man aber vorsichtig sein. "Eine Diagnose darf nur von Fachleuten gestellt werden. Oft geht es auch um Medikamente."