Die Bilder aus Ceuta haben Europa erschüttert. Tausende Migranten versuchten, die Grenze zur spanischen Exklave in Nordafrika zu überwinden. Die – teils panischen – Reaktionen mancher EU-Staaten haben dazu geführt, dass die europäische Migrationspolitik wieder auf der Tagesordnung steht.
Migrationsexperte Gerald Knaus rechnet im Gespräch mit "Krone"-Legende Conny Bischofsberger mit der europäischen Migrationspolitik ab. Der Vorfall in Ceuta sei ein Weckruf gewesen: "Die dramatischen Bilder erzeugen den Eindruck einer Belagerung, obwohl am Ende nur wenige Menschen so tatsächlich die EU erreichen", sagt Knaus.
Der Architekt der EU-Türkei-Erklärung von 2016 fordert einen neuen Kurs. Sein Ziel: Wer irregulär in die EU kommt, soll künftig nicht mehr in Europa bleiben können – ohne dabei das Asylrecht einzuschränken. "Mit vier solchen Abkommen bis Ende 2026 würden wir signalisieren: Wer ab jetzt irregulär kommt, bleibt nicht in der EU. Asylverfahren gibt es dann anderswo", erklärt Knaus.
Er habe dazu bereits Gespräche mit dem deutschen und österreichischen Innenminister, EU-Migrationskommissar Magnus Brunner sowie dem UNHCR geführt.
Die Angst vieler Menschen nach den Bildern aus Ceuta könne er nachvollziehen. "50.000 Menschen kommen in eine Stadt mit 85.000 Einwohnern. Das ist dramatisch", sagt Knaus.
Gleichzeitig verweist er auf die Gesamtzahlen: Im ersten Halbjahr 2026 seien an allen EU-Außengrenzen rund 50.000 Menschen irregulär eingereist. Sein Appell an die Politik: "Setzt euch das Ziel für 2027 – null irreguläre Migration an den EU-Außengrenzen."
Gerade Österreich müsse dabei eine wichtige Rolle übernehmen. Das Land sei in den vergangenen Jahren eines der Hauptzielländer für Asylsuchende gewesen. Knaus plädiert dafür, gemeinsam mit dem UNHCR an einem neuen internationalen Flüchtlingssystem zu arbeiten: geordnete Aufnahme Schutzbedürftiger, konsequente Rückführungen jener ohne Bleiberecht und mehr Unterstützung für Aufnahmeländer außerhalb Europas.
Mit Forderungen nach einem völligen Asylstopp, wie sie FPÖ-Chef Herbert Kickl erhebt, kann Knaus wenig anfangen. Ein Ausstieg aus Menschenrechts- und Flüchtlingskonventionen würde aus seiner Sicht fundamentale Prinzipien Europas infrage stellen. Gleichzeitig betont er, dass konsequente Abschiebungen von Straftätern, Gefährdern und Personen ohne Schutzanspruch selbstverständlich notwendig seien. "Irreguläre Migration stoppen ist sinnvoll – wenn es human geht."
Deutlich widerspricht Knaus auch einer pauschalen Kritik an der Aufnahme syrischer Flüchtlinge nach 2015. "Österreich sollte darauf stolz sein, was es damals getan hat", sagt er. Kein EU-Land habe in den vergangenen zehn Jahren pro Kopf mehr Schutzsuchende aufgenommen.
Mit Blick auf Ceuta bleibt Knaus dennoch optimistisch: Der Schock könne Europas Regierungen endlich zum Handeln bewegen – bevor sich die nächsten dramatischen Bilder an einer anderen EU-Außengrenze wiederholen.