Lehrerin Simone R. ist jetzt, nur wenige Wochen nach dem Beginn des Schuljahres völlig am Ende. Seit fünf Jahren lehrt sie an einer Wiener "Brennpunktschule", doch sie hat bereits den Entschluss gefasst: So geht es nicht weiter. Sie will beruflich schon bald raus aus der Stadt.
Was die 26-Jährige so sehr frustriert: Die Deutschkenntnisse vieler Schüler sind so schlecht, dass an einen normalen Unterricht kaum zu denken ist.
"Ich will richtig Pädagogin sein, das habe ich gelernt, das war mein berufliches Ziel", sagt die Lehrerin einer vierten Klasse im Gespräch mit "Heute". Stattdessen komme sie sich oft vor, als würde sie Jahr für Jahr einen Deutschkurs für Anfänger abhalten. Dabei hat sie sogar eine zusätzliche Ausbildung im Bereich der sprachlichen Bildung absolviert.
23 Kinder sitzen in ihrer Klasse. Was sie gemeinsam haben: Kein einziges spricht Deutsch als Muttersprache. Für die Lehrerin ist das seit vielen Jahren eine enorme Herausforderung.
Besonders deutlich wird das jetzt: Schon bald stehen die ersten Schularbeiten bevor. Bildgeschichten, Personenbeschreibungen und Erlebniserzählungen stehen auf dem Programm. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das schaffen", sagt die Lehrerin resignierend.
Rund zehn bis zwölf Kinder kommen mit beim Unterricht: "Bei den anderen stoße ich wegen der Sprachprobleme jeden Tag an Grenzen." Selbst grundlegende Anweisungen würden teilweise nicht verstanden.
Wie dramatisch die Situation ist: In ihrer vierten Klasse sitzt ein Bub, der schon 12 Jahre alt ist, er ist bereits zweimal durchgefallen – in der Volksschule! Der Bub – in Österreich geboren – ist schon in seinem sechsten Schuljahr, kann aber noch immer kaum selbstständig Sätze auf Deutsch verfassen.
Seine Sprachkenntnisse mit 12 Jahren beschränken sich laut Simone R. auf einfachste Aussagen wie "Ich gehe auf Toilette" oder "Ich brauche Hilfe".
Dieser 12-Jährige arbeitet derzeit mit Unterrichtsmaterial der zweiten Klasse, also mit Stoff für 7- und 8-Jährige.
Der Bub ist leider keine Ausnahme in dieser Schule: Fünf Burschen in der Klasse von Simone R. sind bereits elf Jahre alt, erzählt die Lehrerin. Das bedeutet sie sind mindestens einmal in der Volksschule durchgefallen.
Für die Pädagogin ist die Situation extrem belastend, diese Klasse hat sie seit vier Jahren, doch die sprachlichen Schwierigkeiten machen ihr immer mehr zu schaffen.
"Es ist einfach frustrierend", sagt sie. Simone R. ist speziell für sprachliche Förderung ausgebildet, aber sie hat zunehmend das Gefühl, ihre eigentliche Aufgabe als Lehrerin nicht erfüllen zu können. "Die verstehen meine einfachsten Erklärungen nicht", schildert sie frustriert den Unterrichtsalltag.
Mittlerweile hat die Lehrerin einen konkreten Wunsch, der ihr Leben radikal ändern soll: Sie möchte weiter unterrichten, aber Wien verlassen. "Ich will Deutsch sprechende Kinder unterrichten", sagt sie. Sie wünscht sich einen Schulalltag, in dem sie sich wieder stärker auf die Vermittlung des eigentlichen Lehrstoffs konzentrieren kann.
Für Simone R. steht fest: "Ich will aufs Land", sagt sie. Die Situation in ihrer Wiener Klasse sei für sie inzwischen schlicht "zu deprimierend". Doch ein Wechsel ist nicht so einfach: Sie erzählt, man versucht sie in Wien zu halten, weil zu wenige Lehrer zur Verfügung stehen.