Die Vorwürfe gegen das SOS-Kinderdorf spitzen sich weiter zu: Der Leiter des Standorts Nußdorf-Debant (Osttirol) wurde vorsorglich und "bis auf Widerruf" dienstfrei gestellt. Hintergrund sind zwei schwerwiegende Vorwürfe, die sich auf eine Zeit beziehen, bevor er Leiter des Kinderdorfs war.
Das SOS-Kinderdorf in Nußdorf-Debant bei Lienz gilt als das zweitälteste Kinderdorf der Welt und wurde 1955 eröffnet. Im Vorjahr feierte der Standort sein 70-jähriges Bestehen. Im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen und Gewalt in SOS-Kinderdörfern ist auch Nußdorf-Debant betroffen: Bis in die 2000er-Jahre sind dort Missbrauchsfälle dokumentiert.
Aus vorliegenden Unterlagen geht hervor, dass sich bisher zehn Betroffene, die zwischen 1970 und 2010 in Nußdorf-Debant untergebracht waren, bei der 2012 eingerichteten Opferschutz-Stelle von SOS-Kinderdorf gemeldet haben. In acht Fällen wurde das gesamte Opferschutzverfahren durchlaufen – zugesprochen wurden eine Entschädigungssumme sowie Therapieeinheiten in Höhe von 120.000 Euro. Zwei Fälle sind noch anhängig.
Am Donnerstag wurde nun bekannt, dass der aktuelle Leiter – er übt diese Funktion seit 28 Jahren aus – vorsorglich dienstfrei gestellt wurde. Zwei Personen hätten sich mit schwerwiegenden Vorwürfen gegen den aktuellen Kinderdorfleiter gemeldet, heißt es von SOS-Kinderdorf. Die Vorwürfe würden seine damalige berufliche Tätigkeit in den 1990er- und 2000er-Jahren betreffen.
"Eine Sonderuntersuchung wurde beauftragt, relevante Untersuchungen werden gesichert", so Christian Rudisch von der Geschäftsleitung SOS-Kinderdorf gegenüber der "Tiroler Tageszeitung".
Derzeit werden beide Meldungen geprüft. Dazu erklärt SOS-Kinderdorf: "Beide Fälle werden derzeit im Rahmen des laufenden Opferschutzverfahrens geprüft und sind noch nicht abgeschlossen. Die betroffenen Personen sind mittlerweile erwachsen und nicht mehr in Betreuung."
Laut SOS-Kinderdorf sind die zuständigen Fachabteilungen des Landes Tirol sowie Soziallandesrätin Eva Pawlata (SPÖ) informiert, notwendige Abstimmungen seien erfolgt. Die Leitung am Standort Osttirol werde inzwischen interimistisch geführt, die Betreuung der Kinder und Jugendlichen solle geordnet und sicher weiterlaufen.