Wenn es Richtung große Bühne geht – Olympia, Meisterschaft, wichtiger Wettkampf – taucht eine alte Sportler-Regel zuverlässig wieder auf: "Kein Sex vor dem Start!" Manche schwören darauf, andere halten es für Aberglauben. Tatsache ist: Es gibt kein offizielles, generelles Sexverbot bei den Olympischen Spielen. Im Gegenteil: Seit 1988 ist die kostenlose Verteilung von Hunderttausenden Kondomen im Olympischen Dorf Tradition, um sicheren Sex zu fördern.
Einzelne Trainer oder Mannschaften können jedoch eigene Regeln für ihre Athleten aufstellen. Diese sind jedoch nicht rechtlich verbindlich. Bei Profis wäre ein "Sexverbot" höchstens als interne Vereinbarung denkbar, aber auch dann rechtlich sehr heikel und schwer durchsetzbar.
Der aktuelle Forschungsstand ist überraschend eindeutig: Sex am Abend/Nacht vor einem Wettkampf verschlechtert die Leistung in objektiven Tests in der Regel nicht – zumindest dann nicht, wenn genug Zeit bis zur Belastung bleibt und die Nacht nicht in Schlafmangel endet. Das ist der gemeinsame Tenor mehrerer systematischer Übersichtsarbeiten.
Die Frontiers-Übersicht (2016) fasst zusammen, dass die vorhandene Evidenz keinen negativen Effekt am Tag davor zeigt – betont aber auch: Die Studienlage ist klein und methodisch oft nicht perfekt, es braucht bessere Daten. Die große Meta-Analyse von Zavorsky & Brooks (2022) kommt ebenfalls zum Schluss, dass die Daten insgesamt keinen klaren Leistungsnachteil durch vorherige sexuelle Aktivität zeigen.
Eine häufig zitierte experimentelle Arbeit (Zavorsky et al., 2019) testete mehrere Leistungsparameter (u. a. Fitness-/Kraft- und Reaktionsmaße) und fand keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen "Sex am Vorabend" und Abstinenz. Auch eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2017 kommt zu dem Fazit: Wenn Sex mindestens etwa 10–12 Stunden vor dem Event liegt, sind negative Effekte eher nicht zu erwarten.
Ein entscheidender Haken dabei: Viele Studien erfassen nicht die tatsächliche Leistung in echten Wettkampfsituationen unter Druck, sondern vor allem Fitness- oder Laborwerte – etwa Ergebnisse aus Laufband- oder Krafttests. Deshalb bleiben die Reviews vorsichtig: "Kein Hinweis auf einen Nachteil" bedeutet nicht automatisch, dass es in jeder Sportart und in jeder mentalen Ausnahmesituation garantiert keinen Effekt gibt.
Zu beachten ist allerdings, dass die Studienlage stark von männlichen und heteronormativen Stichproben geprägt ist. Die meisten Untersuchungen beziehen sich auf Männer in heterosexuellen Beziehungen. Studien zu Frauen sind bislang seltener, zeigen jedoch ebenfalls keine negativen Effekte. Insgesamt lässt sich festhalten: Sex hat keinen nachteiligen Einfluss auf die sportliche Leistung – solange es nicht zu Überanstrengung, Verletzungen oder Infektionen kommt.