Dick eingepackt, ruhig atmend, mitten im Winter: Ein Baby schläft im Kinderwagen bei minus zwei Grad. In Skandinavien ist dieses Bild nichts Ungewöhnliches. Außerhalb des Nordens sorgt genau das jedoch für Kopfschütteln, Sorge und hitzige Debatten.
Unter Videos von draußen schlafenden Babys häufen sich Kommentare: Nutzer fragen sich, ob Tiere das Kind angreifen könnten, ob Entführungen drohen oder ob Nase und Ohren nicht Erfrierungen riskieren. Was für viele schockierend wirkt, ist in Skandinavien schon jahrzehntelangen Tradition.
In Dänemark, Norwegen, Schweden und Island gehört das Schlafen im Freien fest zum Alltag vieler Familien: Besonders in Norwegen ist das Konzept des "Friluftsliv" – das Leben im Einklang mit der Natur – tief verwurzelt. Es ist keine Seltenheit, dass Kinderwagen vor Kindergärten, Cafés oder Geschäften stehen, während Eltern kurz etwas erledigen. Oft schlafen Babys dabei nicht nur ein paar Minuten, sondern über Stunden.
Auch in Finnland ist das Einnicken an der frischen Luft gang und gäbe: "Meine Mutter hat das immer gemacht. Für mich ist das völlig normal – und ich würde es auch mit meinen eigenen Kindern tun", verrät die 24-jährige Studentin Anneliina gegenüber "20 Minuten":
Dass diese Praxis außerhalb Skandinaviens für Unverständnis sorgt, zeigt ein Fall aus dem Jahr 1997: Die Dänin Annete Sørensen ließ ihre 14 Monate alte Tochter Liv in New York im Kinderwagen vor einem Restaurant schlafen, während sie mit dem Vater drinnen war. Passanten riefen die Polizei, die Eltern wurden wegen Gefährdung des Kindeswohls festgenommen und verbrachten 36 Stunden im Gefängnis. Später wurde die Anklage fallengelassen.
Studien aus Finnland und Schweden zeigen: Viele Kinder schlafen draußen tatsächlich länger und tiefer als daheim. Die kühle, frische Luft und natürliche Geräusche fördern den Schlaf – und stärken offenbar auch das Immunsystem, sodass die Kleinen seltener krank werden.
Die Gesundheitswissenschaftlerin Marjo Tourula untersuchte 2011 an der Universität Oulu diese Praxis und befragte 21 Mütter. Ihr Fazit: Hauttemperatur, Kleidung und Außentemperatur beeinflussen die Schlafdauer stark. Die größte Herausforderung sei, die richtige Kleidung zu finden – Temperaturschwankungen können sowohl Auskühlung als auch Überhitzung verursachen. Laut Tourula liegt die optimale Temperatur für den Mittagsschlaf im Freien bei etwa minus fünf Grad.
Drinnen kann es dagegen schnell zu warm werden. In einem "SWR3"-Interview verrät Martin Kuntz, Facharzt an der Uniklinik Freiburg, dass trockene Heizungsluft den Schleimhäuten schadet. Gerade in den ersten Lebensmonaten sei das Risiko für den plötzlichen Kindstod erhöht. "16 bis 18 Grad stehen in den Empfehlungen. Das ist schon ziemlich kühl", so der Mediziner.
In den Kommentaren zu TikTok-Clips weisen Skandinavier darauf hin: In Dänemark gilt alles unter minus zehn Grad als absolutes No-Go. Das entspricht auch den Empfehlungen von Fachleuten und Gesundheitsbehörden – Babys sollen bei weniger als minus zehn Grad nicht draußen schlafen.
Wichtig sind außerdem ein windgeschützter Platz, Kleidung nach dem Zwiebelprinzip und regelmäßige Kontrollen im Nacken – dort merkt man am besten, ob das Baby friert oder schwitzt.