Straßenschuhe in der Wohnung – für manche ein harmloses Detail, für andere ein absolutes Desaster. Während Gäste seelenruhig mit Sneakern durchs Wohnzimmer laufen, verspüren manche Gastgeber innerlich Ekel oder sogar Stress. Doch ist das Tragen von Schuhen in den eigenen vier Wänden wirklich so unhygienisch?
Wer draußen unterwegs ist, bringt mit seinen Schuhsohlen mehr mit als nur ein bisschen Staub: Ob Supermarkt, Park, U-Bahn oder Arztpraxis – an Schuhen haftet nicht nur Erde, sondern auch Mikroorganismen. Studien zeigen, dass sich auf der Außenseite eines Schuhs im Schnitt über 421.000 Bakterien befinden. Im Inneren sind es immerhin noch knapp 2.900 Bakterieneinheiten.
Besonders unangenehm: Bei 96 Prozent der untersuchten Schuhe wurden Kolibakterien nachgewiesen – Keime, die auch in Hundekot vorkommen. Und sie bleiben nicht brav an der Sohle kleben: Tests zeigen, dass 90 bis 99 Prozent dieser Bakterien beim Gehen auf den Wohnungsboden übertragen werden.
Zusätzlich sorgte eine Untersuchung der Universität Houston für Aufsehen. Sie fand auf 45 Prozent der getesteten Schuhsohlen das Darmbakterium Clostridioides difficile. Dieses kann bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder nach Antibiotikatherapien schwere Durchfallerkrankungen auslösen. Klingt alarmierend – doch wie gefährlich ist das im Alltag wirklich?
Entwarnung kommt von Markus Egert, Professor für Hygiene und Mikrobiologie an der Hochschule Furtwangen. Trotz der Keimbelastung sieht er kein ernsthaftes Gesundheitsrisiko:
"Hygienisch sind Schuhe in der Wohnung nicht wirklich relevant – niemand stirbt, weil er die Schuhe in der Wohnung anlässt!", meint Egert gegenüber "Öko Test".
Der Grund: In den meisten Fällen landen keine infektiologisch bedenklichen Mengen an Erregern auf dem Boden. Und selbst dann müssten die Keime erst in den Körper gelangen. "Wer schleckt schon den Fußboden ab?", so der Hygiene-Experte trocken.
Natürlich gibt es theoretische Szenarien: Keime gelangen über die Schuhsohle auf den Boden, ein Baby krabbelt darüber und steckt sich etwas in den Mund. "Das kann passieren, die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr gering", betont Egert. Viel häufiger stecken sich Menschen zu Hause über ganz andere Wege an.
Laut ihm erfolgen Infektionen im Haushalt vor allem durch Kontakt mit anderen Menschen, über Lebensmittel, Haustiere oder verunreinigte Oberflächen in Küche und Bad. Schuhe spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Wer also aus Angst vor Krankheit sofort die Schuhe auszieht, übersieht oft die eigentlichen Hygienefallen.
Menschen, die beruflich mit vielen oder besonders infektiösen Keimen zu tun haben – etwa Landwirte, Fleischer oder Beschäftigte im Krankenhaus- und Pflegebereich – sollten Arbeitskleidung und Schuhe zu Hause ausziehen.
Und natürlich spricht auch der ästhetische Aspekt dafür: Straßenschuhe hinterlassen Schmutz, Nässe und unschöne Flecken auf dem Boden.