Wien gilt seit Jahren als wichtiger Schauplatz internationaler Geheimdienste. Eine neue Recherche des russischen Exilmediums Agentstwo rückt nun 21 in Österreich tätige russische Diplomaten und deren mögliche Verbindungen zu Geheimdiensten in den Fokus.
Das auf Investigativjournalismus spezialisierte Medium kommt zu dem Schluss, dass zumindest jeder sechste russische Diplomat in Wien Bezüge zu Geheimdiensten haben könnte. Grundlage der Recherche sind die vom Außenministerium veröffentlichten Diplomatenlisten sowie geleakte russische Datenbanken mit Melde- und Steuerinformationen.
Konkrete Belege dafür, dass die genannten Personen derzeit in Österreich tatsächlich geheimdienstlich tätig sind, liefert der Bericht allerdings nicht.
Allein unter den 48 Mitarbeitern der russischen Botschaft, die vom österreichischen Außenministerium gelistet werden, sieht Agentstwo bei zumindest acht Personen mögliche Verbindungen zu russischen Geheimdiensten.
Genannt werden dabei unter anderem der Auslandsgeheimdienst SWR, der Militärgeheimdienst GRU und der Inlandsgeheimdienst FSB. Bei drei Personen sieht das Medium mögliche Verbindungen zum SWR, bei einer zum GRU. Eine weitere Person soll Bezüge zu beiden Diensten aufweisen, eine andere zum FSB.
Als Indizien führt Agentstwo unter anderem frühere Wohnadressen, Beschäftigungsverhältnisse und berufliche Verbindungen der Diplomaten beziehungsweise ihrer Angehörigen an.
So soll Botschaftsrat Jewgeni A. in Moskau in einem Gebäude nahe der SWR-Zentrale gemeldet gewesen sein. Dort wohnen Medienberichten zufolge nahezu ausschließlich Mitarbeiter des russischen Auslandsgeheimdienstes.
Attaché Alexandr S. soll wiederum Einkünfte von der SWR-Akademie erhalten haben. Sein Kollege Alexandr P. habe für eine geheime, auf Wirtschaft spezialisierte Abteilung des Dienstes gearbeitet.
Bei Attaché Dmitri F. nennt Agentstwo gleich zwei Auffälligkeiten: Seine Frau soll in einem Kindergarten des SWR beschäftigt gewesen sein. Er selbst sei zudem in einem Gebäude gemeldet gewesen, in dem Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes GRU leben.
Auch beim Ersten Botschaftssekretär Alexandr G., Militärattaché Alexej F. und Attaché Stanislaw A. sieht das Medium mögliche GRU-Verbindungen. Als Grundlage dienen auch hier einschlägige frühere Meldeadressen in und rund um Moskau.
Attaché Dmitri K. soll in der Vergangenheit für ein Forschungszentrum des FSB gearbeitet haben. Der bis vor kurzem in Österreich tätige Sergej G. war dem Bericht zufolge für das russische Innenministerium tätig.
Agentstwo untersuchte darüber hinaus russische Diplomaten bei internationalen Organisationen in Wien. Von 22 Mitarbeitern der Ständigen Vertretung Russlands bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) werden bei sieben Personen Verdachtsmomente angeführt.
Unter den 47 russischen Vertretern bei anderen internationalen Organisationen in Wien nennt das Medium weitere fünf Personen samt biografischen Auffälligkeiten.
Insgesamt werden damit 21 Russen namentlich aufgelistet. Ob diese Personen gegenwärtig tatsächlich für einen Geheimdienst in Wien tätig sind, geht aus der Recherche jedoch nicht hervor.
Nach Informationen der APA dürfte die Aufstellung zudem nicht vollständig sein.
So fehlt etwa Michail A. In einem Observationsbericht des damaligen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung aus dem Jahr 2009 wurde er als einer der erkannten "SWR-Offiziere im Bereich der Aufklärung von Verkehrs-, Luft- und Raumfahrttechnik" in Wien bezeichnet.
Damals war er bei der russischen Handelsmission beschäftigt. Nach einer Unterbrechung kehrte er 2020 als Erster Botschaftssekretär nach Wien zurück.
Die Dimension russischer Präsenz in Wien ist groß. Nach Schätzungen des österreichischen Geheimdienstes arbeiten weiterhin rund 500 Mitarbeiter russischer diplomatischer Vertretungen in der Stadt. Bis zu einem Drittel von ihnen könnte demnach verdeckt Spionage betreiben.