Worüber die beiden sprechen

Stocker bei Erdoğan – heikles Treffen in Ankara

Kanzler Stocker ist zu einem Besuch in Ankara eingetroffen. Mit Präsident Erdoğan will er auch über Pressefreiheit und die Opposition sprechen.
Newsdesk Heute
10.08.2026, 13:20
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Bundeskanzler Christian Stocker ist am Montag zu einem offiziellen Besuch in Ankara eingetroffen. Am Nachmittag trifft der ÖVP-Chef den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan – neben Wirtschaft und Migration sollen dabei auch "Meinungs- und Pressefreiheit" zur Sprache kommen.

Auf der Agenda stehen außerdem die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten sowie Fragen der Sicherheit. Auch der Umgang der türkischen Regierung mit der Opposition soll laut Bundeskanzleramt angesprochen werden. Eigene Gespräche Stockers mit Oppositionsvertretern sind allerdings nicht vorgesehen.

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Stocker legt Kranz für Atatürk nieder

Vor dem politischen Gespräch mit Erdoğan steht ein offizieller Programmpunkt auf dem Plan. Stocker soll beim "Anitkabir", dem Mausoleum des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, einen Kranz am Sarkophag niederlegen und sich in das "Goldene Buch" eintragen.

Eine wichtige Rolle bei den Gesprächen mit Erdoğan dürfte die Migration spielen. Das Bundeskanzleramt verweist auf die geografische Schlüsselposition der Türkei. Ankara gilt zudem als wichtiger Partner bei der Bekämpfung von Schlepperei.

Bereits vor Jahren schloss die EU mit der Türkei einen millionenschweren Flüchtlingsdeal. Dieser soll unter anderem verhindern, dass Flüchtlinge aus dem vom Bürgerkrieg geprägten Syrien von der Türkei aus in die Europäische Union weiterziehen.

300.000 Menschen mit türkischen Wurzeln in Österreich

Auch gesellschaftlich sind Österreich und die Türkei seit Jahrzehnten eng verbunden. Einen wichtigen Einschnitt stellte das Arbeitskräfteabkommen von 1964 dar. In dessen Folge kamen zahlreiche sogenannte "Gastarbeiter" aus der Türkei nach Österreich.

Heute leben hierzulande rund 300.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Besonders viele davon wohnen in Wien, Nieder- und Oberösterreich sowie Vorarlberg.

Hanke begleitet Kanzler nach Ankara

Stocker reist nicht alleine. Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) sowie Wirtschaftskammer-Vizepräsident Wolfgang Hesoun begleiten den Kanzler.

Im Rahmen des Besuchs findet ein hochrangiger Roundtable statt, bei dem die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und der Türkei vertieft werden sollen.

Hanke trifft zudem seinen türkischen Amtskollegen Abdulkadir Uraloğlu. Im Zentrum stehen die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur, Güterlogistik und eine stärkere Zusammenarbeit beim Schienenverkehr.

Auch Flugverkehr, automatisiertes Fahren und Technologietransfers sollen besprochen werden. Das bereits seit Jahrzehnten bestehende Luftverkehrsabkommen zwischen Wien und Ankara soll verlängert und an die aktuellen Rahmenbedingungen angepasst werden.

Türkei wichtiger Exportmarkt für Österreich

Wirtschaftlich ist die Türkei für Österreich ein bedeutender Partner außerhalb der Europäischen Union. Mehr als 250 österreichische Niederlassungen gibt es dort, die Direktinvestitionen belaufen sich laut Nationalbank auf mehr als 1,4 Milliarden Euro.

Unter den Ländern außerhalb der EU ist die Türkei Österreichs fünftgrößter Exportmarkt – hinter den USA, der Schweiz, Großbritannien und China.

"Dieses Ranking verdeutlicht, dass die Türkei für viele österreichische Unternehmen weiterhin als Brücke zwischen Europa, dem Nahen Osten, Zentralasien sowie Afrika fungiert", erklärt die WKO-Außenhandelsstelle in Ankara.

Die türkische Wirtschaft wuchs 2025 trotz der nur langsam zurückgehenden Inflation um 3,5 bis 3,6 Prozent. Der OECD-Durchschnitt lag im selben Jahr bei 1,7 Prozent. Das BIP pro Kopf erreichte laut WKO 48.643 US-Dollar beziehungsweise 42.317,62 Euro. In Österreich waren es 55.870 Euro.

Erdoğan seit über 20 Jahren an der Macht

Erdoğan prägt die türkische Politik seit mehr als 20 Jahren. Seine AKP gewann im November 2002 die Parlamentswahl. Von 2003 bis 2014 war Erdoğan Ministerpräsident, seit August 2014 ist er Staatspräsident. Er steht wegen seines autoritären Regierungsstils und der Schwächung demokratischer Institutionen in der Kritik.

Kritiker werfen seiner Regierung zudem Eingriffe in die Unabhängigkeit der Justiz und mangelnde Pressefreiheit vor. Unabhängige Medien wurden geschlossen oder von regierungsnahen Unternehmern übernommen. Kritischen Journalisten drohen unter anderem Verfahren wegen Terrorunterstützung oder Beleidigung des Präsidenten.

Türkei zwischen NATO und Russland

Außenpolitisch versucht Erdoğan, die Türkei als regionale Führungsmacht zwischen Europa, Russland und dem Nahen Osten zu positionieren. Ankara ist NATO-Mitglied, pflegt gleichzeitig aber intensive wirtschaftliche und sicherheitspolitische Beziehungen zu Moskau.

Zuletzt bemühte sich Erdoğan gemeinsam mit Pakistan um eine Deeskalation im Krieg zwischen dem Iran und den USA.

Spannungen bestehen dagegen regelmäßig mit dem NATO-Partner Griechenland. Beide Staaten streiten unter anderem über Erdgas- und Kohlenwasserstoffvorkommen im östlichen Mittelmeer und in der Ägäis. Ankara beansprucht im Rahmen seiner "Blauen Heimat"-Doktrin weitreichende Hoheitsrechte, was immer wieder zu Konflikten mit Griechenland und der EU führt.

{title && {title} } red, {title && {title} } 10.08.2026, 13:20