"Schließen wir ein illegales Bordell, kommt sofort ein neues nach", so die alarmierende Zusammenfassung von Wolfgang Patscheider. Er ist im Rotlichtreferat des Landeskriminalamts Kärnten tätig und beschreibt im Gespräch mit der "Kleinen Zeitung", wie Frauen in diese Situation geraten, wer die Kunden dieser Damen sind und wo die Hintermänner des Systems sitzen.
Laut dem Experten gibt es in dem südlichen Bundesland 19 legale Bordelle – die meisten davon im Raum Klagenfurt und Villach. Dort gehen ungefähr 250 Prostituierte ihrer Arbeit im Sexgewerbe nach. Laut seiner Einschätzung kommen dazu noch mindestens 100 weitere illegale Sexarbeiterinnen. Der Situation Herr zu werden, sei schwierig.
Patscheider stellt klar, dass die Frauen nicht durch Menschenhandel nach Kärnten gelangen und dann in die Prostitution gezwungen werden. Die Vorgehensweise ist eher gespickt mit Charme und falschen Versprechungen. Viele Frauen werden in deren Heimatländern durch die sogenannte "Loverboy-Methode" angelockt. Dabei würden bereits Mädchen im Alter von 16 bis 17 Jahren in Clubs von Männern umgarnt werden – sind sie dann volljährig, startet der "Loverboy" seine Masche.
Die Männer würden den jungen Frauen von einem gemeinsamen Leben im Ausland erzählen und ihnen eine wirtschaftlich bessere Zukunft im Westen schmackhaft machen. Das Ende vom Lied ist oft tragisch: Die Frauen enden im Rotlichtmilieu. Kehren sie dann wieder in ihre Heimat zurück, würden sie genauso arm sein wie vorher, erklärt der Experte.
Gegenüber der Polizei würden sich die Frauen nur selten öffnen, beklagt Patscheider. Auch weibliche Kolleginnen würden oft nicht an sie herankommen. Viele von ihnen haben in ihrer Heimat schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Informationen würden die Beamten nur durch verdeckte Ermittlungen, Freier oder "erlebnisorientierte Freunde" – damit seien Zuhälter gemeint – erhalten.
Viele Befragte würden angeben, nur in Kärnten Urlaub zu machen. Die meisten Frauen würden aus Bulgarien, Ungarn und Rumänien kommen. Prostituierte aus Polen, Tschechien und der Slowakei seien seltener geworden, da sich die wirtschaftliche Situation dort verbessert habe.
Besonders die rumänischen Frauen seien bei Freiern beliebt. Viele Kunden kommen nämlich aus Italien, da Prostitution in ihrer Heimat verboten ist. Sie würden die Sprachverwandtschaft schätzen. Dem Experten zufolge seien Italiener auch die Hauptkunden in legalen Saunaklubs des Landes. Bei Laufhäusern und illegalen Prostituierten seien Kärntner die Hauptklientel.
Doch wer organisiert die illegale Prostitution? Laut Patscheider würde die Nachfrage über einschlägige Internetseiten abgewickelt werden. Die Hintermänner seien dabei kaum zu fassen, da sie sich oft in Bulgarien oder Rumänien aufhalten und die Frauen lediglich nach Kärnten vermitteln.
Ein aktuelles Beispiel sei auch der Fall von einer Frau und einem Mann aus Rumänien. Die beiden hätten sich am vergangenen Freitag eigentlich in Klagenfurt vor Gericht verantworten müssen. Sie sollen Frauen aus Rumänien falsche Versprechungen gemacht und sie dann in Kärnten in die illegale Prostitution gezwungen haben. Bereits zum zweiten Mal musste der Prozess wegen grenzübergreifendem Prostitutionshandel, Zuhälterei und schwerer Körperverletzung verschoben werden, da die Angeklagte untergetaucht sei. Nun wird nach ihr gefahndet.
Oft gehen aber auch Flüchtlinge der Sexarbeit nach. Bei diesen Frauen sei die Situation äußerst problematisch, da sie "oft sehr Traumatisches erlebt" hätten. Selbst mit Dolmetschern und unterschiedlichen Schutz- und Hilfsangeboten komme man nicht an sie heran. Trotz ihres legalen Engagements ist davon auszugehen, dass viele nicht freiwillig im Sexgewerbe tätig sind.
Laut Patscheider würden oft Kinder in der Heimat als Druckmittel gegen sie verwendet werden. Aber auch bizarre Taktiken werden von den Hintermännern eingesetzt. Als Beispiel nennt der Experte einen Fall von Frauen aus Nigeria. Sie hätten sich davor gefürchtet, durch einen Voodoozauber verflucht zu werden, sollten sie etwas gegen den Zwang unternehmen.
Für ein generelles Verbot der Prostitution möchte sich Patscheider nicht aussprechen. Das legale Sexgewerbe würde eine Überwachung der Szene ermöglichen. Zudem können sich soziale Organisationen um die Frauen kümmern. Ein Verbot würde nur dazu führen, dass alles ins Illegale abdriften würde.