Gottfried Kirchengast wählt deutliche Worte. Der steirische Klimaforscher von der Universität Graz sieht im Sommer 2026 nicht nur ein außergewöhnliches Wetterereignis, sondern einen klaren Auftrag an Gesellschaft und Politik.
Der bekannte Forscher ist am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel sowie am Institut für Physik der Universität Graz tätig. Außerdem vertritt er die Wissenschaft im Nationalen Klimaschutzkomitee. Laut "Kleine Zeitung" legte er dort eine Eingabe zum bisherigen Verlauf des Sommers 2026 vor.
Der Befund ist hart: Die zwei ausgedehnten Hitzewellen mit Spitzenwerten bis 41,2 Grad Celsius wären ohne den fortschreitenden Klimawandel in dieser Form nicht möglich gewesen. Kirchengast spricht vom "Zeitalter der menschengemachten, schweren Hitzewellen".
Besonders brisant ist seine Einordnung des menschlichen Anteils. Bei heute auftretenden Hitzewellen könne rund 80 Prozent der Schwere auf menschengemachte Emissionen zurückgeführt werden. Diese entstehen durch das Verbrennen fossiler Energieträger, Industrieprozesse und Landnutzung.
Für Kirchengast, der bei der Messung der Hitze-Extremität in Österreich auf das System der Arealgradtage setzt, ist die wissenschaftliche Lage damit klarer als je zuvor. "Es ist ein Novum, dass man für einzelne Hitzewellen so robuste Anteilsrechnungen zum menschengemachten Einfluss machen kann", erklärt der Forscher.
Noch schärfer wird er beim Blick auf die öffentliche Diskussion. Wenn angesichts dieses Wissens kein professioneller Klimaschutz betrieben werde, sei das zukunftsvergessen. Bei weiter steigenden Extremen stünden Klimawandelanpassung und Katastrophenschutz sonst vor einer "völligen Überforderung".
Argumente, wonach es solche Ereignisse immer schon gegeben habe, hält Kirchengast aus physikalischer Sicht für nicht nachvollziehbar. Er bezeichnet diese Sichtweise als geradezu absurd.
Besonders hart fällt seine Kritik an der Umsetzung und Debatte zum Klimaschutz aus. Es sei "traurig", dass man in der teils auf "erbärmlichem Niveau" geführten gesellschaftspolitischen Diskussion und Umsetzung noch immer nicht weiter sei.
Der Sommer 2026 liefert für ihn dafür die Faktenbasis. Die zweite Hitzewelle von 25. Juli bis 17. August brachte rund 26.400 Arealgradtage und war laut Kirchengast "die stärkste je in Österreich registrierte Welle". Insgesamt lag der Sommer bis zum Wetterumschwung im September bereits bei rund 50.000 Arealgradtagen.
Der Forscher verweist dabei nicht auf eine bloße Momentaufnahme. Für Österreich gibt es klimahistorische Sommermitteldaten ab dem 9. Jahrhundert, Monatsmitteldaten ab dem 15. Jahrhundert und detaillierte Tages-Wetterdaten seit etwa 1880. Das Ausmaß der Hitzeglocke Ende Juli und Anfang August habe demnach so gut wie sicher die letzten rund 1.000 Jahre übertroffen.