Österreich stöhnt in diesem Sommer unter extremer Hitze - und die Zahlen sind alarmierend. Die AGES schätzt anhand der Übersterblichkeit, dass die bereits hinter uns liegende Hitzewelle im Juni etwa 395 Menschen das Leben gekostet hat. Damit wurde ein trauriger Monatshöchstwert erreicht.
Wie der "Kurier" berichtet, hat die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit mitten im Sommer erstmals eine Zwischenauswertung veröffentlicht. Der Grund: die massive Hitzebelastung der vergangenen Wochen.
Das Gesundheitsministerium hielt am Samstag fest: "Das ist mit Abstand der höchste Wert in einem Juni in den vergleichbaren Auswertungen seit 2017". Der bisherige Juni-Negativrekord lag demnach bei 335 hitzeassoziierten Todesfällen im Jahr 2019. Der neue Wert liegt rund 20 Prozent darüber.
Auch die Einsatzkräfte spüren die Hitze. Die Wiener Berufsrettung verzeichnet laut einem Sprecher derzeit pro Tag zumindest zehn Prozent mehr Einsätze als an nicht so heißen Tagen.
Quantenphysiker und Wissenschaftskommunikator Florian Aigner verwies zuletzt darauf, dass Todesfälle während extremer Hitzephasen laut Wissenschaft um 10 bis 30 Prozent ansteigen können. Bei der großen Hitzewelle in Frankreich im Jahr 2003 seien 55 bis 60 Prozent mehr Menschen gestorben als gewöhnlich.
Aigner widerspricht auch dem Argument, es handle sich bei Hitzetoten um Menschen, die ohnehin bald gestorben wären. Hitzetote seien zwar nicht immer eindeutig zu beziffern, aber real: Sowohl die Übersterblichkeit als auch "die wissenschaftliche Beweislage dafür ist unstrittig."
Die Juni-Hitzewelle brachte in Österreich gleich mehrere Rekorde. Laut GeoSphere Austria wurde an rund der Hälfte aller Wetterstationen zumindest einmal die Marke von 35 Grad erreicht oder überschritten. An 46 Stationen wurden mindestens 38 Grad gemessen, an 15 Stationen sogar 39 Grad oder mehr.
In Wien wurde am 28. Juni mit 40,0 Grad ein neuer Hitzerekord für die Bundeshauptstadt registriert. In Bad Deutsch-Altenburg folgte am Tag darauf mit 40,1 Grad ein neuer österreichweiter Spitzenwert für einen Juni-Tag.
Doch damit nicht genug: Am Freitag wurde auch der Österreichrekord für die höchste jemals in einem Juli gemessene Temperatur gebrochen. In Wieselburg in Niederösterreich wurden 40,3 Grad registriert. Der alte Juli-Rekord stammte aus dem Jahr 1983, damals wurden in Dellach im Drautal 39,7 Grad gemessen.
Besonders deutlich fällt die Einschätzung von Gottfried Kirchengast aus. Der Geophysikprofessor am Wegener Center for Climate and Global Change der Universität Graz hat die Hitzewelle in sogenannten Arealgradtagen berechnet. Diese Kennzahl zeigt, wie lange und wie stark die Schwelle von 30 Grad flächendeckend bis 1.500 Meter Seehöhe überschritten wurde.
Die Juni-Hitze kam laut seinen Berechnungen auf etwa 16.700 der sogenannten Arealgradtage. Ohne den menschengemachten Anteil wären es nur rund 2.700 gewesen.
Für die laufende Hitzewelle rechnet Kirchengast mit 22.700 bis 25.000 Arealgradtagen. Zum Vergleich: Die bisher stärkste Hitzewelle im Juli und August 2013 dauerte 24 Tage und erreichte 22.100 Arealgradtage.
Seine Prognose fällt drastisch aus: "Diese Hitzewelle wird in ihrer Extremität voraussichtlich die stärkste je in Österreich registrierte Hitzewelle."
Vor 1980 hätten Hitzewellen laut Kirchengast nie mehr als 8.000 Arealgradtage erreicht. Der Forscher schätzt auch die sozioökonomischen Schäden. Rund 80 Prozent davon ordnet er den menschengemachten Emissionen zu. Insgesamt rechnet er mit 1,4 Milliarden Euro Schaden.
Auch am Samstag blieb es extrem heiß. In Eisenstadt und Bad Deutsch-Altenburg wurden 38,2 Grad gemessen. Mit Ausnahme von Bregenz verzeichnete jede Landeshauptstadt einen Hitzetag mit mehr als 30 Grad. Am Nachmittag kam es teils zu heftigen Wärmegewittern.
Die Prognose bleibt angespannt: Nach einem leichten Rückgang am Sonntag zeigen Wettermodelle ab Montag wieder Temperaturen von über 40 Grad. Im Osten könnte sogar der bisherige Temperaturrekord von 40,5 Grad aus Bad Deutsch-Altenburg aus dem Jahr 2013 fallen.