Stress, Überlastung, Rückenschmerzen und psychische Probleme: Krankmachende Arbeitsbedingungen kommen Österreich teuer zu stehen. Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zeigt jetzt: Allein die 2023 neu entstandenen Arbeitsunfälle und arbeitsbedingten Erkrankungen verursachen in Österreich gesellschaftliche Kosten von 12,4 Milliarden Euro!
Laut WIFO entfallen dabei 58,3 Prozent bzw. 7,3 Milliarden Euro der gesamten Folgekosten auf die Beschäftigten. Dazu zählen neben Einkommensverlusten auch gesundheitliches Leid, verlorene Lebensqualität und Ausfälle bei unbezahlter Arbeit im Haushalt.
Weitere 30,8 Prozent bzw. rund 3,8 Milliarden Euro trägt das öffentliche Sozialsystem, insbesondere die Kranken- und Pensionsversicherung.
Die Unternehmen selbst, die ja für die Arbeitsbedingungen verantwortlich sind, kommen hingegen nur für 10,8 Prozent auf. Das entspricht rund 1,3 Milliarden Euro.
AK-Sozialexpertin Ines Stilling kritisiert diese Verteilung scharf: "12,4 Milliarden – das ist der Preis, den wir für krank machende Arbeitsbedingungen bezahlen." Die Betriebe würden bei den Kosten vergleichsweise billig davonkommen, während die Beschäftigten mit ihrer Gesundheit und Einkommensverlusten bezahlen müssten.
Besonders alarmierend sind die Zahlen zu psychischen Erkrankungen. Laut den Berechnungen des WIFO gab es 2023 mehr als 54.000 neue arbeitsbedingte Depressionen und Angststörungen. Im Jahr 2015 waren es noch rund 17.900 Fälle. Damit hat sich die Zahl innerhalb von acht Jahren mehr als verdreifacht.
Die Arbeiterkammer sieht vor allem ständige Erreichbarkeit, Personalmangel und steigenden Arbeitsdruck als Ursachen.
Psychische Erkrankungen führen zudem zu besonders langen Krankenständen. Laut dem Fehlzeitenreport 2026 fallen Betroffene durchschnittlich fast 37 Tage pro Fall aus.
Noch häufiger sind Erkrankungen des Bewegungsapparates. Mehr als 85.000 arbeitsbedingte Fälle wurden für 2023 berechnet. Dazu gehören etwa Rückenbeschwerden und andere Muskel-Skelett-Erkrankungen. Zusammen machen diese beiden Krankheitsgruppen mehr als 80 Prozent aller arbeitsbedingten Erkrankungen aus.
Die Studie zeigt außerdem, dass klassische Arbeitsunfälle nur einen vergleichsweise kleinen Teil der finanziellen Belastungen verursachen. Fast 11 Milliarden Euro bzw. 88,4 Prozent der Gesamtkosten entstehen durch arbeitsbedingte Erkrankungen. Auf Arbeitsunfälle entfallen hingegen gerade einmal knapp 1,4 Milliarden Euro.
Ebenfalls durchleuchtet – die Struktur der 12,4 Milliarden. Demnach belaufen sich die direkten Kosten auf gerade einmal 1,9 Milliarden bzw. 15,6 Prozent. 1,4 Milliarden davon sind Behandlungskosten, Zuzahlungen der Versicherten (325 Millionen), informelle Angehörigenpflege (120 Millionen) und Verwaltung (38 Millionen).
Der Löwenanteil von 7,3 Milliarden entfällt auf indirekte Kosten, wie entgangene Gehälter durch Arbeitsausfall und vorzeitige Todesfälle (4,6 Milliarden), Ausfälle bei der familiären Versorgungsarbeit (1,9 Milliarden) und Produktivitätsverlust durch gesundheitliche Beeinträchtigungen (575 Millionen). Weitere 3,1 Milliarden machen laut dem Bericht Kosten für verlorene Lebenszeit und -qualität aus.
Die Arbeiterkammer verlangt deshalb ein umfassendes Maßnahmenpaket. Dazu zählen verpflichtende Arbeitspsychologen in der betrieblichen Gesundheitsvorsorge, strengere Grenzwerte beim Heben schwerer Lasten und ein besserer Schutz vor Hitze. Bei gesundheitsgefährdenden Temperaturen soll es künftig als letztes Mittel sogar bezahltes Hitzefrei geben, sowohl bei Arbeiten im Freien als auch in Innenräumen.
Zusätzlich fordert die AK schärfere Strafen für Unternehmen, die den Arbeitnehmerschutz vernachlässigen, sowie mehr Personal für die Arbeitsinspektion.
Auch die Debatte über ein höheres Pensionsantrittsalter stößt auf heftige Kritik. "Ein höheres Alter am Papier schafft keinen einzigen gesunden Arbeitstag, sondern ist eine reine Pensionskürzung", warnt Stilling.
Wie groß das Problem bereits ist, zeigt eine weitere Zahl: Vier von zehn Beschäftigten glauben nicht, dass sie ihren derzeitigen Beruf bis zur Pension durchhalten können.
Besonders dramatisch ist die Situation im Tourismus. Dort rechnen sogar 54,3 Prozent der Beschäftigten damit, ihren aktuellen Job nicht bis zum Pensionsalter ausüben zu können.