Was sich in den dunklen Tiefen des Golfs von Mexiko abspielt, ist selbst für erfahrene Meeresforscher alarmierend: Fische, Krebse und Tintenfische sind in erschreckendem Ausmaß zurückgegangen. Eine brandneue Studie, die am 19. Oktober 2026 von der Florida International University vorgestellt wurde, zeigt nun das ganze Ausmaß einer ökologischen Katastrophe, die vor 16 Jahren ihren Anfang nahm.
Damals explodierte die Bohrplattform "Deepwater Horizon" und Millionen Barrel Rohöl ergossen sich ins Meer. Während die Bilder ölverschmierter Pelikane längst aus den Schlagzeilen verschwunden sind, scheint sich unter der Wasseroberfläche eine viel größere Tragödie abzuspielen.
Ein internationales Forschungsteam untersuchte mehr als 2.000 Netzproben aus den Jahren 2011 bis 2023 und kombinierte die Ergebnisse mit akustischen Messungen sowie genetischen Analysen. Das Resultat ist erschütternd: Die untersuchten Bestände von Tiefseefischen gingen um rund 64 Prozent zurück, größere Krebstiere um 62 Prozent und kleinere Tintenfische sowie verwandte Kopffüßer um etwa 60 Prozent. Besonders dramatisch traf es den Krill mit einem Rückgang von fast 73 Prozent. Auch Laternenfische und Borstenmäuler, die zu den wichtigsten Beutetieren der Tiefsee gehören, wurden erheblich seltener.
Was zunächst nach einem Problem winziger Tiefseebewohner klingt, könnte das gesamte Ökosystem erschüttern. Denn gerade Krill, Laternenfische und andere kleine Meeresbewohner bilden die Nahrungsgrundlage für zahlreiche größere Räuber. Fehlen diese Tiere, geraten auch Wale, Delfine, Haie, Thunfische und Seevögel unter Druck. Besonders beunruhigend: Einst dichte Ansammlungen von Beutetieren sind laut den Forschern nahezu verschwunden. Für große Jäger bedeutet das möglicherweise längere Nahrungssuchen und einen erheblich höheren Energieaufwand.
Die Wissenschaftler untersuchten auch andere mögliche Ursachen, darunter Veränderungen der Wassertemperatur, des Sauerstoffgehalts und der Nahrungsverfügbarkeit. Keine dieser untersuchten Umweltveränderungen konnte den massiven Rückgang überzeugend erklären. Als wahrscheinlichste Ursache sehen sie deshalb die Ölkatastrophe von 2010 und die damaligen Bekämpfungsmaßnahmen. Denn nicht nur das Rohöl selbst ist gefährlich: Auch die eingesetzten chemischen Dispersionsmittel, die das Öl in winzige Tröpfchen zerlegen sollten, könnten die Belastung der Tiefseetiere verstärkt haben. Ein endgültiger ursächlicher Beweis lässt sich aus der Studie allerdings nicht ableiten.
Besonders erschreckend ist, dass sich die untersuchten Tierbestände selbst 16 Jahre nach dem Unglück noch nicht nachweisbar erholt haben. Die Forscher befürchten, dass sich das Ökosystem in einem dauerhaft geschwächten Zustand befinden könnte. Damit wird die Katastrophe von "Deepwater Horizon" zu einer eindringlichen Warnung: Nur weil das Öl an der Oberfläche verschwunden ist, bedeutet das noch lange nicht, dass sich das Meer darunter erholt hat.
Als wäre die Langzeitbelastung nicht schlimm genug, kam es im Frühjahr 2026 an der mexikanischen Golfküste zu einer weiteren schweren Ölverschmutzung. Über Hunderte Kilometer breiteten sich Ölreste aus und erreichten auch geschützte Küstengebiete. Betroffen waren unter anderem Meeresschildkröten, Vögel, Fische und empfindliche Korallenökosysteme. Umweltschützer meldeten zudem tote Meerestiere, darunter eine Seekuh.