Manchmal schreibt die Natur Geschichten, die selbst Wissenschaftler kaum für möglich halten. Fast ein Jahrhundert lang fehlte vom Bangka-Plumplori (Nycticebus bancanus) jede wissenschaftliche Spur. Der kleine, nachtaktive Baumbewohner mit seinen riesigen Knopfaugen galt als vom Aussterben bedroht, möglicherweise sogar als bereits verschwunden. Doch jetzt die Sensation: Er lebt! Und das offenbar an mehreren Orten auf der indonesischen Insel Bangka. Eine neue Studie im Fachjournal "Spixiana" bestätigt die spektakuläre Wiederentdeckung – mit entscheidender Beteiligung des Wiener Hauses des Meeres.
So niedlich der kleine Primat auch aussieht, er hat eine ziemlich außergewöhnliche Geheimwaffe: Gift! Plumploris sind die einzigen bekannten giftigen Primaten der Welt. In speziellen Drüsen an ihren Oberarmen produzieren sie ein Sekret, das sie durch Ablecken mit ihrem Speichel vermischen. Bei einem Biss kann dieser gefährliche Cocktail starke Schmerzen, Schwellungen und sogar lebensbedrohliche allergische Reaktionen beim Menschen auslösen. Hinter dem unschuldigen Blick steckt also ein durchaus wehrhafter kleiner Überlebenskünstler.
Das eigentlich Unglaubliche an der Geschichte: Während die Wissenschaft seit den 1930er-Jahren kaum noch etwas über den seltenen Primaten wusste, begegneten ihm die Menschen auf Bangka immer wieder. In Gärten, auf Straßen und sogar auf Stromleitungen wurden die Tiere entdeckt. Zwischen 2015 und 2025 dokumentierte die indonesische Auffangstation "Alobi Wildlife Rescue Center" mehr als 90 Exemplare. Viele waren verletzt und mussten medizinisch versorgt werden.
86 Tiere konnten schließlich wieder in geeignete natürliche Lebensräume entlassen werden. Erst durch die Zusammenarbeit der Tierschützer mit internationalen Forschern, darunter Timon Glaw vom Wiener Haus des Meeres, wurde die wissenschaftliche Bedeutung dieser Rettungen erkannt.
Doch die Freude über das tierische Wunder hat einen bitteren Beigeschmack. Denn die Heimat des Bangka-Plumploris verschwindet zunehmend. Illegaler Zinnabbau, riesige Palmölplantagen und die Zerstörung der Regenwälder nehmen dem kleinen Kletterkünstler seinen Lebensraum. Auch Stromleitungen und der illegale Handel mit exotischen Haustieren bedrohen sein Überleben. Die Forscher warnen deshalb eindringlich: Die Wiederentdeckung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Art weiterhin akut vom Aussterben bedroht ist.