Der Herbst-Horizont präsentiert sich für Herbert Kickl tiefblau: Die FPÖ liegt im aktuellen APA-Wahltrend bei 39 Prozent und ist stärker als ÖVP (21 Prozent) und SPÖ (14,4 Prozent) zusammen. Kickl selbst führt das brandaktuelle "Heute"-Politbarometer an und hat thematisch Hochkonjunktur.
Einziger Wermutstropfen aus freiheitlicher Sicht: die FPÖ sitzt trotz Wahlsiegs und Umfrage-Rekorden in Opposition. Die Möglichkeit, Bundeskanzler zu werden, hat Kickl bekanntlich nicht wahrgenommen. Verhandlungspartner ÖVP monierte völlige Kompromisslosigkeit und lediglich sieben Stunden, an denen Herbert Kickl am Verhandlungstisch gesessen sei, als Gründe.
Rückblick ins Jahr 2025: "Er hat eigentlich nur Arbeitspapiere mit seinen Positionen und Forderungen übergeben, darüber diskutieren wollte Kickl nicht", erinnert sich ein VP-Verhandler. "Doch die völlige Unterwerfung spielt es mit der Volkspartei sicherlich auch nicht."
Zeitsprung ins Jetzt: Bei einer Parteiveranstaltung am Samstag in Innsbruck rechnete der blaue Frontman bei Gulasch und Würsteln nicht nur mit der Regierung ("feige Gestalten") ab, sondern legte eindeutig dar, worum es ihm geht: das Land tiefgreifend neu zu zeichnen.
Kompromisse – die ÖVP wollte etwa der FPÖ das Innenministerium nicht abtreten – kommen für Kickl auf diesem "Weg zum Gipfel" (Eigendefinition des passionierten Bergsteigers) nicht infrage. Es gehe nicht darum, sich "in irgendeiner Art und Weise zu arrangieren", führte er mit reichlich Pathos aus.
"Früher einmal, da hat es wehgetan, wenn man nicht dazugehört hat, wenn man nicht am Herrschaftstisch Platz nehmen durfte. Heute sage ich euch: Das ist das allergrößte und das allerschönste Kompliment, das sie uns machen können."
Er warnte seine Partei, in der einige bitter enttäuscht waren, dass der Weg für sie 2025 nicht in eine Regierungsbeteiligung gemündet hatte, "den Versuchungen der Macht" zu erliegen. Nachsatz: "Immer dann, wenn das passiert ist, dann hat es ganz dunkle Kapitel in der Geschichte der freiheitlichen Partei gegeben: herbe Niederlagen, Skandale, schwere Krisen."
Die politischen Mitbewerber würden danach trachten, "uns selbst zu einer Systempartei zu machen". Kickl präsentierte seinen Blauen einen anderen Weg: Er möchte die FPÖ Richtung Absolute Mehrheit führen. Zur bevorstehenden 40-Prozent-Hürde in Umfragen meinte er lapidar: "Auch diesen Deckel werden wir wegsprengen."
Es gehe darum, so der blaue Klubchef, "selber so stark zu sein, selber so viel demokratische Macht in einer Partei zu vereinigen, dass man dann selber den Ton und die Richtung in einem Land vorgeben kann".
Seinen Kader schwor er auf einen ruppigen Weg ein, dies sei "der Preis, den wir zahlen müssen, damit es den Menschen in diesem Land wieder besser geht".
Einstweilen geht Kickl auf Herbst-Tour durchs Land und will die in Umfragen abgeschlagene Dreier-Koalition mit ORF-Volksbegehren und Remigration-Provokation ("Werden ein Verfassungsgesetz einbringen") vor sich hertreiben.
Und die Regierung? Die hat all dem wenig entgegenzusetzen. In der SPÖ mühen sich immer mehr Genossen nach Kräften, den Erfolglos-Vorsitzenden Andreas Babler zum geordneten Rückzug zu bewegen. Medienmanager Gerhard Zeiler stünde als Ersatz parat. Eine charmante Alternative könnte Finanzminister Markus Marterbauer sein. Er ist im aktuellen "Heute"-Politbarometer beliebtester Regierungspolitiker.
In der Brust der ÖVP schlagen indes zwei Herzen. Einerseits hat man analysiert, dass "Andreas Babler die Regierungsarbeit durch seine desaströsen Imagewerte massiv hinunterzieht". Allerdings habe man auch kein gesteigertes Interesse daran, nach einem etwaigen Switch der Roten zu Gerhard Zeiler (er bringt ohne Zweifel Wirtschaftskompetenz mit) nur noch dritte Kraft in Umfragen zu sein. "Das würde unsere Landeshauptleute nicht unbedingt ruhiger schlafen lassen."
Denn auch im Inneren der Volkspartei rumort es; im Gegensatz zur SPÖ halten sich nur die öffentlichen Eruptionen in Grenzen. Die Länder-Granden, die in den nächsten Jahren Wahlen schlagen müssen (OÖ, Tirol, NÖ) treiben die Bundespartei dennoch mit erhöhter Schlagzahl vor sich her. So forderte Johanna Mikl-Leitner im "Heute"-Gespräch: "Die Regierung muss mehr tun, und das vor allem schnell." Sie drängt auf ein Vorziehen der Lohnnebenkostensenkung und sprang im Spätsommer für rasche Dürrehilfen für die Bauern in die Bresche.
Von Neuwahlen will noch niemand sprechen: "Das würde ja nur bedeuten, die Verluste aus den Umfragen realpolitisch zu realisieren", so ein Regierungsstratege. So oder anders: Herbert Kickl wird in der ersten Reihe sitzen und sich das Schauspiel zu Gemüte führen.
Auf "Unbequemlichkeit für uns selber" hat er sich bekanntlich eingestellt ...