Um Antworten auf Beschwerden zu finden, setzen die Österreicher immer häufiger auf moderne Technik. Das zeigt die Gesundheitsstudie 2026, durchgeführt vom Gallup Institut im Auftrag der Wiener Städtischen Versicherung.
Konkret haben bereits 59 Prozent (Frauen: 62 Prozent; Männer: 57 Prozent) Erfahrungen mit künstlicher Intelligenz wie ChatGPT und Google Gemini bei Gesundheitsthemen gesammelt. Bei den unter 35-Jährigen liegt die Quote sogar bei drei Viertel.
Vorrangig dient die KI zum Symptom-Check bzw. zur Unterstützung bei der Diagnose von Krankheiten (66 Prozent), zur Erklärung ärztlicher Befunde (55 Prozent) und zur Beantwortung von Fragen rund um Medikamente bzw. Nebenwirkungen (39 Prozent).
38 Prozent stufen den digitalen Rat als hilfreich ein, wobei nach der Nutzung angenehme Gefühle wie Beruhigung (40 Prozent) und Erleichterung (27 Prozent) überwiegen.
Alarmierend: Fast ein Drittel (31 Prozent) der KI-Nutzer verzichtete nach der digitalen Empfehlung bereits auf einen Arztbesuch bzw. zog den Rat des Algorithmus dem eines echten Mediziners vor. Männer zeigen sich dafür mit 37 Prozent deutlich anfälliger als Frauen mit 26 Prozent. Am höchsten ist der Anteil bei den 16- bis 35-Jährigen mit 44 Prozent.
"KI wird für viele Menschen zunehmend zur ersten Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen", warnt Manuel Schalk, Vorstandsdirektor der Wiener Städtischen Versicherung. Umso wichtiger sei es, Informationen richtig einordnen zu können "und KI als Ergänzung, nicht als Ersatz für medizinische Beratung zu sehen", so Schalk.
Das Vertrauen in echtes medizinisches Personal bleibt dennoch intakt: 82 Prozent stufen die ärztliche Auskunft als vertrauenswürdiger ein als jene einer KI, wenngleich dieser Wert im Vorjahr noch bei 85 Prozent lag.
Der Trend hin zur KI ist womöglich auch eine Folge der zunehmenden Enttäuschung mit dem öffentlichen Gesundheitssystem. Tatsächlich sind nur noch 47 Prozent mit dem System "sehr zufrieden" oder "zufrieden" – 2022 waren es noch 56 Prozent.
Besonders im ländlichen Raum ist der Frust erheblich: Lediglich 5 Prozent der dortigen Bevölkerung sind mit dem Angebot "sehr zufrieden", während die Städte hier auf 17 Prozent kommen. 44 Prozent der Befragten sind zudem der Ansicht, dass sich die gesundheitliche Versorgung in den vergangenen 12 Monaten verschlechtert hat.
Hauptgründe für die Unzufriedenheit sind hauptsächlich dramatische Engpässe und Wartezeiten. 55 Prozent der Befragten sehen einen Mangel an Kassen-Allgemeinmedizinern, bei Fachärzten beklagen diesen Missstand sogar 71 Prozent. Während 52 Prozent einen Termin beim Kassen-Hausarzt innerhalb weniger Tage erhalten, sind es bei Kassen-Fachärzten nur 7 Prozent. Ein Drittel (34 Prozent) wartet sogar über zwei Monate auf einen Facharzt-Termin.
Aus dieser Frustration heraus wächst die Bereitschaft zu radikaleren Schritten: 58 Prozent der Bevölkerung befürworten die Einführung einer Ambulanzgebühr für nicht dringende Spitalsbesuche, um überlaufene, teure Notaufnahmen zu entlasten.
"Die Ergebnisse zeigen, dass ein Teil der Bevölkerung offen für neue Ansätze zur Steuerung von Patientenströmen ist", erklärt Schalk. Unter den Befürwortern votieren 41 Prozent für einen Betrag zwischen 11 und 20 Euro. 33 Prozent plädieren für 5 bis 10 Euro, 15 Prozent für 21 bis 30 Euro, 11 Prozent sind sogar für über 30 Euro. Insgesamt sehe man, so Schalk, "dass hier die Schmerzgrenze für die Einführung einer Ambulanzgebühr rund um die 20 Euro liegen könnte".
Beim persönlichen Wohlbefinden sieht’s überwiegend positiv aus: 61 Prozent stufen ihren aktuellen körperlichen, 62 Prozent ihren mentalen Zustand als "gut" oder "sehr gut" ein. Allerdings klagen 27 Prozent über eine körperliche Verschlechterung innerhalb der letzten zwölf Monate. Frauen sind davon mit 32 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer (21 Prozent).
Ein Umdenken verlangt die Bevölkerung auch bei der Gendermedizin: 87 Prozent erkennen geschlechtsspezifische Unterschiede bei Symptomen an – allen voran bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkten (65 Prozent) sowie psychischen Erkrankungen (61 Prozent).
Massive Wissenslücken enthüllt die Studie bei der sexuellen Gesundheit: Nur 27 Prozent empfinden die Aufklärung über sexuell übertragbare Infektionen (STIs) als ausreichend – Männer zu 32 Prozent, Frauen nur zu 23 Prozent. Dennoch haben sich erst 34 Prozent aller Befragten zumindest einmal auf entsprechende Krankheiten testen lassen.
Ebenfalls erhoben: Die Mängel im Kassensystem machen eine private Vorsorge immer attraktiver. 52 Prozent aller Befragten und sogar 60 Prozent der 16- bis 35-Jährigen stufen eine private Krankenversicherung als "sehr wichtig" oder "wichtig" ein. Von jenen, die noch keine besitzen, bekundet ein Drittel steigendes Interesse.
Als Hauptmotive werden die langen Wartezeiten auf Kassenärzte (60 Prozent), zu wenig Behandlungszeit für Patienten (51 Prozent) sowie Leistungseinschränkungen der gesetzlichen Kassen (47 Prozent) genannt. Wer vorsorgt, wählt zu 60 Prozent eine Privatarztversicherung und zu 50 Prozent eine Sonderklasse-Deckung.
"Gerade bei Jüngeren sehen wir, dass Vorsorge und Prävention zunehmend früher mitgedacht werden", so Schalk. Private Gesundheitsvorsorge könne dabei zusätzliche Wahlmöglichkeiten schaffen und die öffentliche Versorgung sinnvoll ergänzen.