Stell dir vor: Du kuschelst dich, eingewickelt in eine Wolldecke, eine heiße Tasse Tee in der Hand, während dein Schatz im T-Shirt neben dir sitzt und ein Eis schleckt. Kein Einzelfall! Denn jeder Mensch nimmt Kälte anders wahr. Aber woran liegt das eigentlich?
Der Pharmakologe Jan-Erik Siemens bremst gleich einmal die Erwartungen: "Wissenschaftlich lässt sich das nicht so leicht beantworten", sagt der Professor der Uni Heidelberg gegenüber der "Süddeutschen Zeitung".
Ein wichtiger Schlüssel liegt aber in einem Rezeptor, den der spätere Nobelpreisträger David Julius Anfang der 2000er entdeckt hat: TRPM8. "Er trägt den kryptischen Namen TRPM8 und gilt als Hauptmediator für Kältesignale", so Siemens. Berührst du zum Beispiel eine kalte Autoscheibe, wird dieser Sensor in deinen Nervenzellen aktiviert. "Das Signal wandert dann von der Fingerspitze übers Rückenmark bis ins Gehirn und wird dort verarbeitet." Bei Versuchen mit Mäusen zeigte sich: Wird TRPM8 blockiert, reagieren sie viel weniger auf Kälte. Beim Menschen funktioniert das offenbar ähnlich – "vielleicht nur etwas komplexer".
"Testosteron zum Beispiel kann TRPM8 weniger empfindlich machen. Da müssen wir allerdings vorsichtig sein – wie groß dieser Effekt wirklich ist, ist noch nicht geklärt." Das könnte aber erklären, warum Männer im Schnitt weniger kälteempfindlich sind.
"Hormone beeinflussen das Temperaturzentrum im Hypothalamus – diese Hirnstruktur regelt die Körpertemperatur", erklärt Siemens. Den Hypothalamus kannst du dir laut Siemens wie einen Thermostat vorstellen. Berührst du etwas Kaltes, melden Nervenenden in Haut und Organen diesen Wert an den Hypothalamus. "Diesen Ist-Wert vergleicht der Hypothalamus mit einem Soll-Wert für die Körperkerntemperatur", so Siemens. Beim Menschen liegt dieser Soll-Wert bei rund 37 Grad.
Ist der Unterschied zu groß, greift der Körper ein. "Zum Beispiel, indem wir uns einen Pullover anziehen. Außerdem bekommen wir Gänsehaut, die Muskeln beginnen zu zittern, die Blutgefäße in der Haut ziehen sich zusammen, Hände und Füße werden kalt oder bläulich."
Nicht nur Hormone und das Hirn bestimmen, wie kalt dir ist. Auch dein Muskelanteil zählt mit. Muskeln erzeugen Wärme, die sich im Körper verteilt. Männer haben durchschnittlich 40 Prozent Muskelmasse, Frauen etwa 32 Prozent. Dazu kommt: Die Haut von Männern ist im Schnitt um 20 Prozent dicker. Frauen verlieren durch die dünnere Haut mehr Wärme.
Grundsätzlich bleibt jedoch festzuhalten, dass Kälteempfinden sehr subjektiv ist. Neben den genannten Punkten gibt es laut Expertinnen und Experten noch viele weitere Einflüsse – etwa Müdigkeit, Hunger, Durchblutung, Körperfett, Stress oder auch die Gene.