In Österreich ist eine neue Debatte über längere Ladenöffnungszeiten entbrannt. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) will über flexiblere Ladenöffnungszeiten diskutieren – die Gewerkschaft GPA reagiert mit scharfer Kritik.
Auslöser ist eine Debatte, die Staatssekretär Josef Schellhorn (Neos) angestoßen hat. Am Dienstag präsentierte er zwei Modelle: Einerseits sollen eigentümergeführte Geschäfte länger geöffnet bleiben dürfen, wenn der Inhaber selbst im Geschäft arbeitet. Andererseits sollen die Öffnungszeiten für Nahversorger ohne Personal gelockert werden.
Unterstützung bekommt Schellhorn von Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer. Er spricht sich im "Kurier"-Interview dafür aus, bestehende Regeln zu überdenken: "Ich glaube, wir sollten in der Bundesregierung jedenfalls eine Diskussion über die Flexibilisierung der Öffnungszeiten führen, wenn wir die Wertschöpfung im eigenen Land halten wollen. Das geht aber nur gemeinsam mit den Mitarbeitern im Handel."
Hattmannsdorfer verweist dabei auf das Regierungsprogramm, in dem bereits eine Liberalisierung vorgesehen sei.
Bei der Gewerkschaft GPA stößt die Diskussion auf deutlichen Widerstand. Vorsitzende Barbara Teiber warnt davor, die Belastung der Handelsangestellten weiter zu erhöhen.
"Was der Minister so leichtfertig als Flexibilität bezeichnet, gehört für die Handelsangestellten längst zu den größten Belastungen im Alltag. Hinter jeder kurzfristigen Dienstplanänderung stehen Menschen, die ihre Kinderbetreuung neu organisieren oder gemeinsame Zeit mit ihrer Familie streichen müssen. Ausgerechnet davon noch mehr zu verlangen, ist eine Frechheit", kritisiert Teiber.
Rückendeckung sieht die GPA in einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OGM. Demnach lehnt eine Mehrheit der Befragten sowohl eine Sonntagsöffnung als auch längere Öffnungszeiten am Samstag ab.
Acht von zehn Befragten halten familienfreundliche Arbeitszeiten für wichtiger als zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten. "Wer längere Öffnungszeiten zur Standortfrage erklärt, sollte mehr zu bieten haben als ein Bauchgefühl. Doch die Faktenlage scheint den Wirtschaftsminister wenig zu interessieren", so Teiber.
Hattmannsdorfer betont im Interview, dass Änderungen nur gemeinsam mit den Beschäftigten im Handel möglich seien. Bei der Sonntagsarbeit verweist er auf jene Berufsgruppen, die bereits an diesem Tag im Einsatz sind – etwa in der Pflege, im Gesundheitswesen oder im Sicherheitsbereich. Zugleich spricht er sich dafür aus, Sonn- und Feiertagszuschläge steuerfrei zu stellen.
Die Gewerkschaft lässt das Argument einer gemeinsamen Lösung allerdings nicht gelten. "Die Beschäftigten brauchen planbare, familienfreundliche Arbeitszeiten. Auch die Konsumenten wollen, dass auf ihre Lebensqualität Rücksicht genommen wird. Wie viele Absagen braucht es noch, bis der Wirtschaftsminister diese Bedürfnisse ernst nimmt? Wer Veränderungen gemeinsam mit den Beschäftigten umsetzen will, muss auch ihr Nein akzeptieren."
Für Teiber geht die Diskussion weit über die Frage hinaus, wie lange Geschäfte geöffnet haben dürfen. Sie befürchtet, dass längere Öffnungszeiten den Handel als Arbeitsplatz weniger attraktiv machen könnten.
"Hinter dem Schlagwort Modernisierung versteckt sich die nächste Verschlechterung für die Beschäftigten. Das kann kein Zukunftskonzept für eine Branche sein, deren Stärke die persönliche Beratung durch qualifizierte Beschäftigte ist. Der Handel braucht Bedingungen, unter denen Menschen in der Branche bleiben wollen. Ihnen immer mehr abzuverlangen und immer weniger verlässliche Freizeit zu lassen, treibt sie in die andere Richtung", betont Teiber abschließend.