Schockierende Studie

Leseschwäche: Jeder fünfte Österreicher ist betroffen

Die Leseaktivität in Österreich nimmt ab. 1,7 Millionen Österreicher können nicht ausreichend lesen. Das schränkt den Alltag ein.
Newsdesk Heute
26.06.2026, 22:11
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In Österreich wird immer weniger gelesen. Vor allem komplexere und umfangreichere Text wie lange Artikel, Magazine und Newsletter haben in den vergangenen Jahren an Attraktivität verloren.

Im Auftrag des des Bundesministeriums für Bildung werden regelmäßig Studien durchgeführt, die die Grundkompetenzen von Erwachsenen im Alter von 16-65 Jahren erheben. Zu diesen Grundkompetenzen zählt neben Alltagsmathematik und adaptivem Problemlösen auch das Lesen.

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Die neusten Ergebnisse einer solchen Studie zeigen: 1,7 Millionen Österreicherinnen und Österreicher verfügen über eine niedrige Lesekompetenz, das sind knapp 20 Prozent der Bevölkerung. Das bedeutet, insbesondere längere Texte können nicht sinnerfassend gelesen werden.

Bildung hat den größten Einfluss auf unsere Lesekompetenz. Wie gut wir lesen können bestimmt aber nicht nur unser eigener Bildungsweg. Die Studie zeigt, dass auch der höchste Bildungsabschluss der Eltern einen maßgeblichen Einfluss darauf hat, wie sinnerfassend die Kinder lesen können. Aus den Ergebnissen der Studie geht hervor: Je höher der Bildungsabschluss, desto höher die Lesekompetenz.

Einen kleineren Effekt dürfte nach neuesten Erkenntnissen auch der Kindergartenbesuch haben. Je länger jemand im Kindergarten, oder in einer ähnlichen vorschulischen Einrichtung, war, desto höher die Lesekompetenz. Personen mit einem höheren Bildungsabschluss wie der Matura, dem Meister und dem Werkmeister erzielen in der Studie mehr Kompetenzpunkte, als Personen die nur die Pflichtschule absolviert haben.

Maturanten erreichten höhere Kompetenzpunkte beim Lesen
iStock/Getty Images (Symbolbild)

Insgesamt schneiden 16- bis 24-Jährige erheblich besser ab als Ältere. Und das, obwohl ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler mit Ende der Volksschule leistungsschwach lesen.

Nachhilfelehrerin im Gespräch

Eine Nachhilfelehrerin aus Niederösterreich berichtet: "Es ist erschreckend, wie schwer meinen Schülerinnen und Schülern das laute Vorlesen fällt." Sie erzählt im Gespräch mit "heute.at", dass in der Nachhilfeeinheit gelesene Texte, oftmals inhaltlich, nur Minuten darauf, nicht mehr wiedergegeben werden können. Zudem käme es beim Vorlesen zu vielen Fehlern und "Verhasplern".

"Ganz oft werden Buchstaben einfach verschluckt oder die letzten paar Buchstaben eines Wortes geändert oder ganz weggelassen. Da wird dann auch deutlich, dass die Grammatik bei vielen nicht sitzt. Die Schülerinnen und Schüler beenden die Wörter nach Gefühl, ohne auf Fälle oder Wortarten Rücksicht zu nehmen."

Beim Vorlesen von Texten werden die Probleme der Kinder deutlich
Getty Images

Eine weitere Auffälligkeit wäre ein häufig sehr stockender Lesefluss und das Verwechseln von Buchstaben, wie p und q oder d und b, oder das Verdrehen von "ei" und "ie". "Am meisten fasziniert mich dann, mit welcher Selbstsicherheit und mit wie viel Überzeugung falsch gelesen wird und die eigenen Fehler entweder überspielt oder gar nicht erst wahrgenommen werden", berichtet die Nachhilfekraft.

Obwohl die Leseleistung 2021 im Vergleich zu 2016 wieder abgenommen hat, befinden sich Österreichs Schülerinnen und Schüler immer noch deutlich über dem internationalen Durchschnitt.

Woher kommen diese Leseprobleme

Häufig wird dem Gelesenen nicht die volle Aufmerksamkeit geschenkt. Gedanklich wird vielleicht noch der Schultag verarbeitet oder die nächste Aktivität bereits geplant. Die Umgebung, in der gelesen wird, spielt ebenfalls eine tragende Rolle. Viel Lärm oder viel Bewegung lenken schnell ab. Es können aber auch körperliche Einschränkungen dahinter stecken.

Kinder lassen sich beim Lesen gerne schnell ablenken
Getty Images

Gesundheitlich nicht in der Lage "g'scheid" zu lesen

Bei manchen ist es das bloße Desinteresse am Lesen, bei anderen liegt eventuell eine sogenannte "cerebrale visuelle Wahrnehmungsstörung" oder kurz "CVI" vor. Diese äußert sich durch eine reduzierte Sehschärfe oder eine Dysfunktion der visuellen Verarbeitungsareale im Gehirn. Eine CVI erschwert den Betroffenen das Erkennen und Wiedererkennen von Formen, darunter auch Buchstaben.

Eine betroffene Schülerin (13) berichtet: "Ganz schlimm war das Abschreiben von der Tafel. Beim Hin- und Herschauen, zwischen Heft und Tafel, konnten meine Augen nie ausreichend fokussieren. Deshalb habe ich auch ganz viele Rechtschreibfehler beim Abschreiben gemacht und oftmals Blödsinn vorgelesen."

CVI betrifft viele Schülerinnen und Schüler die eine Lese- und Schreibschwäche haben
Getty Images/iStockphoto

Mithilfe verschiedener Therapien können die allermeisten dieser Wahrnehmungsstörungen behandelt werden. Im Fall der betroffenen Schülerin war ein einfaches Augentraining mit verschiedenen Übungen, die täglich zu machen sind, ausreichend, um die Schwierigkeiten beim Lesen und Abschreiben aus der Welt zu schaffen.

"Man hat's dann auch bei meinen Noten gemerkt. Die Wörter auf der Tafel haben für mich immer ein bisschen anders ausgesehen, deshalb hab ich für die meisten Wörter verschiedene Schreibweisen gedanklich abgespeichert. Jetzt wo ich das auf der Tafel g'scheid sehe, mach ich ganz viele Rechtschreibfehler nicht mehr."

In Österreich sind zwischen vier und acht Prozent der schulpflichtigen Kinder außerdem von Legasthenie betroffen. Das bedeutet sie haben trotz normaler Intelligenz und ungestörter Sinnesorgane massive Schwierigkeiten, das Lesen und Schreiben zu erlernen, zu verstehen und anzuwenden. Eine Legasthenie ist in viele Fällen auf genetische Ursachen zurückzuführen und nicht heilbar.

Legasthenie betrifft zwischen vier und acht Prozent der österreichischen Schulkinder
IMAGO/imagebroker

Immer wieder wird im Fall einer CVI eine Legasthenie diagnostiziert. So werden behandelbare und heilbare Sehstörungen oftmals nicht therapiert und Chancen auf eine uneingeschränkte Lesekompetenz bleiben den Betroffenen verwehrt.

Leseförderung in Schulen

Das Bildungsministerium hat Lesen mittlerweile zur Priorität erklärt. Mit verschiedensten Initiativen, darunter auch "Lesen. Deine Superkraft" sollen Kinder wieder mehr Freude am Lesen entwickeln.

Dazu gehören: tägliche und regelmäßige Lesezeiten im Unterricht, gezielte Lesediagnostik, um Schwächen früh zu erkennen, individuelle Förderung für leseschwache Kinder, Fortbildungen für Lehrkräfte, der Österreichische Vorlesetag sowie das neue bundesweite Lesegütesiegel für Volksschulen, welches am 18. Juni an 68 Volksschulen aus allen Bundesländer verliehen wurde.

Tägliche und regelmäßige Lesezeiten im Unterricht sind vom Bildungsministerium vorgeschlagen
iStock/Getty Images (Symbolbild)

Außerdem soll Lesen nicht mehr nur im Deutschunterricht stattfinden, sondern in allen Fächern – von Geschichte bis Biologie. Das Ministerium betont, dass Lesekompetenz über die gesamte Schullaufbahn hinweg aufgebaut werden müsse.

Leseförderung für Erwachsene

Für Erwachsene gibt es österreichweit kostenlose Angebote zur Basisbildung und Alphabetisierung. In der sogenannten "Initiative Erwachsenenbildung" werden Kurse angeboten, in denen Lesen, Schreiben und grundlegende Kompetenzen trainiert werden.

Schätzungen zufolge gehören mehrere Hunderttausend Menschen in Österreich zur Zielgruppe solcher Angebote, weil ihre Lesekompetenz für viele Alltagsaufgaben nicht ausreicht.

Forderung der Experten

Die Autorinnen und Autoren des Nationalen Bildungsberichts kommen zu einem klaren Schluss: Leseförderung funktioniert nur, wenn sie früh beginnt, regelmäßig erfolgt und auf den jeweiligen Lernstand abgestimmt ist.

Leseförderung kann funktionieren
iStock/MelkiNimages (Symbolbild)

Schulen sollen Leseschwierigkeiten möglichst früh erkennen, gezielt fördern und Lesen als gemeinsame Aufgabe aller Lehrkräfte verstehen. Ebenso wichtig seien gut ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen sowie eine gelebte Lesekultur – etwa durch Bibliotheken, Vorlesen und feste Lesezeiten.

Die Vorteile des Lesens

Wer bereits im Kindesalter viel liest, wird als Jugendlicher eine bessere Gedächtnisleistung aufweisen, das zeigt eine Studie die im Fachjournal "Psychological Medicine" erschien. Auch auf die psychische Gesundheit hat eine früh entwickelte Lesebegeisterung positive Auswirkungen.

Lesen vermittelt nicht nur Wissen und Inhalte sondern verbessert auch nachweislich die Wahrnehmung von Gesichtern, von Gebäuden und Objekten. Außerdem kann Lesen beim Stressabbau helfen, bietet eine Entschleunigung im Alltag und erhöht so, ganz nebenbei, die Stressresistenz und Belastbarkeit des Lesers oder der Leserin.

{title && {title} } red, {title && {title} } 26.06.2026, 22:11
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