Zwei Wochen nach der Bluttat an der Mittelschule in Taufkirchen an der Pram versucht die Schulgemeinschaft langsam wieder in den Alltag zurückzufinden. Direktor Hans Peter Rockenschaub schildert im Interview mit der "Krone", wie Lehrer und Schüler die Tragödie verarbeiten.
Die ersten Tage nach der Tat seien vom reinen Funktionieren geprägt gewesen. Mittlerweile mache sich die Erschöpfung bemerkbar. "Es ist eine Zeit gekommen, in der das Funktionieren nicht mehr ganz so wichtig ist, wie es am Anfang war. Die Müdigkeit ist da. Ich denke sehr viel über das Geschehene nach."
An der Schule kehre Schritt für Schritt wieder Normalität ein. Der Unterricht endet derzeit allerdings bereits zu Mittag, Nachmittagsunterricht findet nicht statt. Nicht zwingend notwendige Prüfungen wurden abgesagt. Zur Ablenkung verbrachten die Schüler zuletzt auf Einladung des Schärdinger Bürgermeisters zwei Tage im Freibad.
Unmittelbar nach der Tat habe der Direktor vor allem für das Kollegium und die Kinder stark sein müssen. Erst zu Hause seien die Gefühle hochgekommen. "Ich musste stark für die Kollegen und die Kinder sein. Zu Hause haben dann das Nachdenken und die Fassungslosigkeit begonnen." Unterstützung habe er vor allem von seiner Familie erhalten. Inzwischen habe er aufgehört, nach dem Warum zu suchen. "Weil es nicht zu beantworten ist."
Zum Zeitpunkt der Tat habe er sich bereits zu Hause auf einen Einsatz der Musikkapelle vorbereitet. Über einen Verkehrsunfall sei er zunächst informiert worden, erst später habe ihn der Bürgermeister über das Verbrechen in der Schule verständigt.
Den späteren Täter kannte Rockenschaub seit dessen Kindheit. "Ich kannte ihn seit seinem zehnten Lebensjahr, denn ich habe ihn in der Schülerliga im Sportverein in Freinberg trainiert."
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Trotzdem habe ihn die Tat völlig überrascht. "Zu Beginn waren es einfach nur Betroffenheit und Sprachlosigkeit. Im zweiten Moment hab’ ich mir gedacht: ,Das hätte ich ihm nie zugetraut.‘ Aber diese Aussichtslosigkeit in seinem Leben haben wir nie zu fassen bekommen. Die hat er nie nach außen getragen, sondern in sich drinnen versteckt."
Am vergangenen Samstag verabschiedete sich die Schulgemeinschaft von der getöteten Lehrerin. "Das Begräbnis der Lehrerin war am Samstag, wir waren alle dabei. Ich durfte eine Rede halten, deren Inhalt die Abschiedsgedanken der Kollegen waren. Die gesamte Zeremonie war unglaublich berührend, fast familiär, obwohl sicher 400 bis 500 Leute anwesend waren."
Auch mit der Familie der Getöteten stehe die Schule weiterhin in engem Kontakt. "Ich habe bewusst mit der Familie gesprochen. Sie hatten das Bedürfnis, in unsere Schule zu kommen. Ich habe sowohl mit den Eltern als auch ihren Geschwistern geredet. Wir haben einen guten Kontakt."
Neben den Schülern nahm auch der Direktor selbst psychologische Hilfe in Anspruch. "Ich habe auch die Hilfe in Anspruch genommen, viele Gespräche geführt – sonst kann man so ein Ereignis nicht verarbeiten."
Als der erste Schock nachgelassen habe, seien schließlich auch die Tränen gekommen. "Ja, zu Hause dann. Als ich die Aufgaben, die ich als Direktor bewerkstelligen muss, losgelassen habe, sind mir die Tränen gekommen. Es war wichtig, das rauszulassen, so kann man den Schmerz besser verarbeiten."
In der Schule wurden nach der Tat zwei Gedenkräume eingerichtet. Dort legten Schüler Briefe, bemalte Steine und selbst gebastelte Engel nieder – sowohl für die getötete Lehrerin als auch für den Täter. "Da stand drauf: ,Sie waren ein guter Lehrer, ich hab’ sie gerne gehabt.‘"
Nach dem Begräbnis wurden die Gedenkräume wieder aufgelöst. In der Klasse der getöteten Lehrerin erinnern jedoch weiterhin eine Kerze und täglich frische Blumen an sie.
Die Bibliothek, in der sich die Tat ereignete, ist nun ein leerer Raum und bleibt vorerst geschlossen. "Realisiert haben wir es alle, weil wir das Geschehene gut durch die Krisenhilfe verarbeiten konnten. Aber manchmal, wenn ich bei der Bücherei vorbeigehe, kommt die Fassungslosigkeit zurück."
Neben der emotionalen Aufarbeitung muss die Schule nun auch organisatorische Herausforderungen bewältigen. Durch den Tod der Lehrerin und des Täters fehlen zwei Lehrkräfte. Laut Rockenschaub müssen insgesamt 44 Unterrichtsstunden ersetzt werden. Die Stellen wurden bereits über die Bildungsdirektion ausgeschrieben.