Europa will mehr AKW

Atomstrom vor Comeback – auch unsere Jugend dafür

Von der Leyen spricht von einer "Renaissance der Kernenergie", China investiert in neue AKWs und Österreich lehnt Atomkraft nicht mehr vehement ab.
Newsdesk Heute
12.06.2026, 20:30
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Atomkraft wird weltweit wieder intensiver diskutiert, Europa ist keine Ausnahme. Am Dienstag eröffnete der Schweizer Nationalrat die Debatte über den Bau neuer Atomkraftwerke. "Ziele werden sich ohne neue AKWs in Luft auflösen" heißt es dort seitens Christian Imark (SVP/SO) in seiner Parlamentsrede.

Bereits im März Sprach die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Atomenergie-Gipfel in Frankreich von einer "Renaissance der Kernenergie".

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Ursula von der Leyen am Atomenergie-Gipfel in Frankreich im März 2026
REUTERS

Nur drei Jahre nach dem deutschen Ausstieg aus der Atomenergie im April 2023, bezeichnet von der Leyen diesen Schritt als "strategischen Fehler" und wünscht sich für Deutschland und die gesamte EU die Teilhabe an der Wiedergeburt der Atomkraft.

Die Kommissionspräsidentin spricht von Kernkraft als "zuverlässige, bezahlbare Quelle für emissionsarmen Strom". Auch konkrete Zukunftspläne wurden bei besagtem Gipfel schon geäußert: So sollen bis Anfang der 2030er Jahre erste sogenannte SMR ("Small Modular Reactor") in Europa einsetzbar sein.

SMR (Small Modular Reactor)
www.istockphoto.com

Dabei handelt es sich schlicht um kleinere Kernreaktoren, die eine elektrische Leistung von bis zu 300 Megawatt haben. Diese werden in Fabriken vorgefertigt und dann am gewünschten Standort montiert. SMR können sowohl für Stromerzeugung als auch für Wärmeerzeugung genutzt werden. Aktuell ist weltweit keiner dieser Mini-Reaktoren weder in Betrieb, noch hergestellt.

Internationale Lage

Die EU-Staaten  sind keineswegs die einzigen, die auf den Trend Atomkraft aufspringen wollen. Insbesondere im asiatischem Raum werden immer mehr Atomkraftwerke gebaut und in Betrieb genommen. Indien beispielsweise plant bis 2047 100.000 Megawatt mithilfe von Kernkraftwerken zu erzeugen. 2024 waren dies zum Vergleich noch 8.000 Megawatt.

Trotz der Nuklearkatastrophe von Fukushima will auch Japan zukünftig 20 bis 22 Prozent seines eigenen Strombedarfs mit Kernenergie decken. Dabei setze Japan auf bereits bestehende Kraftwerke, denen nach der Katastrophe 2011 ihrer Reaktorlizenzen entzogen wurde. Diese wurden überprüft, auf den neusten Stand gebracht und sollen jetzt wieder nach und nach ins Netz eingeschleust werden.

Fukushima 2011
REUTERS

Laut World Nuclear Industry Status Report sind aktuell 415 Kernreaktoren weltweit im Betrieb: In Europa befinden sich 163 davon. 2002 erreichte die Anzahl der Kernreaktoren weltweit 439. Mehr waren zuvor und seither nie wieder zeitgleich im Einsatz. Ein tatsächlicher Ausbau der Kernenergie weltweit ist in Statistiken nicht zu erkennen. Seit 1987 bewegt sich die Zahl im unteren 400er Bereich.

Uran als Grundlage für die Kernenergie

Die weltweite Nutzung von Atomkraft hängt entscheidend von einem Rohstoff ab: Uran. Das radioaktive Metall ist der zentrale Brennstoff für Kernkraftwerke und wird auch bei der Herstellung von Atomwaffen eingesetzt.

In der Natur kommt Uran in verschiedenen Formen vor, wobei vor allem das sogenannte Uran-235 für die Energiegewinnung wichtig ist. Da dessen Anteil im natürlichen Uran jedoch sehr gering ist, muss das Material in speziellen Anlagen angereichert werden.

Erst dieses angereicherte Uran kann in den meisten Atomreaktoren zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Beim Anreicherungsprozess entsteht zudem sogenanntes abgereichertes Uran, das nur begrenzt genutzt wird und häufig gelagert wird.

Uran
REUTERS

Mithilfe von Uran werden aktuell 10 Prozent des weltweiten Strombedarfs gedeckt. Als größtes Uran-Förderland gilt laut Institut für seltene Erden und Metalle Kasachstan. 40 Prozent des globalen Angebots stammen aus dort gelegenen Minen. Diese werden von internationalen Konsortien in Partnerschaft mit westlichen und asiatischen Unternehmen betrieben. Platz zwei und drei bei der Uranversorgung belegen Kanada und Australien.

Das größte bekannte Uranvorkommen befindet sich in Australien. Strenge Umweltauflagen und politische Debatten schränken den Abbau und die Nutzung von Uran dort jedoch stark ein.

Namibia, Niger und Usbekistan zählen zu den aufstrebenden Uranlieferanten. Auch China spielt eine zunehmende Rolle beim Uranabbau und der Produktion des chemischen Elements.

Verantwortlich für das Vorantreiben des Ausbaus der Kernenergie im Reich der Mitte sind zwei führende Nuklearunternehmen: CNNC (China National Nuclear Corporation) und CGN (China General Nuclear Power Group). Die beiden Unternehemn haben eine hohe Beteiligung an Minen in Kasachstan, Namibia und Australien.

Geopolitische Herausforderungen

Das Uranangebot ist begrenzt. Die erhöhte Nachfrage bei gleichbleibenden Angebot führt zu weiter steigenden Preisen. Da nun auch China, Indien und andere asiatische Länder ihre Kernenergieversorgung ausbauen wollen, sehen sich westliche Staaten gezwungen auf andere Exportländer zurückzugreifen.

Die Länder und Regionen in denen Uran abgebaut wird, sind zu einem großen Teil geprägt von politischer Instabilität. Durch Krisen in den Uranexportstaaten entstehen Lieferengpässe, die wiederum zu einer nicht ausreichenden Energieversorgung der Länder und Regionen führt, die ihre Energie aus Kernkraftwerken beziehen.

Auswirkungen auf die Umwelt

Trotz ihrer vergleichsweise geringen CO₂-Emissionen stehen Kernkraftwerke wegen mehrerer Umweltprobleme in der Kritik. Ein zentrales Thema ist der radioaktive Abfall, der teilweise über Tausende von Jahren sicher gelagert werden muss.

Seitens des österreichischen Ökologie-Instituts heißt es: "Die Entsorgung radioaktiver Abfälle und abgebrannter Brennelemente ist nach wie vor nur in Teilen gelöst. Weltweit ist noch kein Endlager für hochradioaktive Abfälle und abgebrannte Brennelemente in Betrieb, auf dessen Erfahrungen aufgebaut werden könnte."

Lager für Atommüll in Dounreay, Schottland
REUTERS

Hinzu kommen Umwelteingriffe beim Uranabbau, die Landschaften verändern und Ökosysteme belasten können. Zudem benötigen Kernkraftwerke große Mengen Kühlwasser. Das erwärmte Wasser, das anschließend in Flüsse oder Meere zurückgeleitet wird, kann die Wassertemperatur erhöhen und dadurch Pflanzen- und Tierarten in Gewässern beeinträchtigen.

Auch wenn schwere Reaktorunfälle selten sind, können sie im Ernstfall langfristige Folgen für Mensch und Umwelt haben, wie die Beispiele Tschernobyl und Fukushima gezeigt haben.

Klares "Nein" aus österreichischem Parlament

Im österreichischen Nationalrat herrscht am 23. April diesen Jahres Einigkeit: Der Anti-Atom-Kurs soll weiter konsequent fortgeführt werden. ÖVP, Neos, SPÖ und Grüne sprechen sich gegen den Bau von SMR aus. Bei den Freiheitlichen findet dieser Beschluss keine Zustimmung.

Nationalratssitzung
REUTERS

Österreichs Geschichte mit der Kernkraft

Im April 1972 erfolgte in Österreich der Spatenstich für das Atomkraftwerk in Zwentendorf an der Donau. Vier Jahre später war dieses fertiggestellt. In Betrieb sollte es jedoch nie genommen werden.

AKW in Zwentendorf an der Donau
REUTERS

Das AKW galt als praktisch betriebsbereit. Gleichzeitig wuchs jedoch der Widerstand in der Bevölkerung. Bürgerinitiativen und Protestaktionen, darunter ein viel beachteter Hungerstreik von neun Vorarlberger Müttern im Jahr 1977, machten die Atomkraft zu einem der umstrittensten politischen Themen des Landes.

Um die Frage der Inbetriebnahme zu klären, ließ die Bundesregierung die Bevölkerung abstimmen. Bei der Volksabstimmung vom 5. November 1978 sprach sich eine knappe Mehrheit von 50,47 Prozent gegen die Nutzung der Kernenergie aus.

Proteste gegen die Inbetriebnahme von Zwentendorf
www.zwentendorf.com

In der Folge beschloss der Nationalrat das sogenannte Atomsperrgesetz, womit der Betrieb von Atomkraftwerken in Österreich untersagt wurde. Zwentendorf ging daher trotz seiner Fertigstellung nie ans Netz und wurde zu einem Symbol für die österreichische Ablehnung der Atomkraft. Die Errichtung und spätere Stilllegung verursachten Kosten von mehr als einer Milliarde Euro.

Heute ist das "Nein" nicht mehr so eindeutig

Eine im April 2026 durchgeführte Spectra-Umfrage zeigt nun ein leichtes Umdenken  bei den Österreicherinnen und Österreichern. Insbesondere die jüngere Generation scheint der Atomkraft gegenüber wesentlich aufgeschlossener.

Knapp die Hälfte der Befragten (49 %) stimmt der Aussage zu, dass die bisherige Ablehnung der Kernenergie angesichts der Energieversorgungssicherheit überdacht werden müsse.

April 2026, 1.00 Befragte (Online)
APA, Quelle: Spectra

Gleichzeitig sehen 61 % das Risiko eines großflächigen Blackouts von der Politik unterschätzt, und 49 % befürchten, dass die Energiewende ohne konventionelle Backup-Kraftwerke oder grundlastfähige Energiequellen scheitern könnte.

Das Vertrauen in die energiepolitische Handlungsfähigkeit der Bundesregierung ist gering: Nur 30 % glauben, dass die Energieversorgung bis 2030 ohne Wohlstandsverluste gesichert werden kann, während 76 % langfristige wirtschaftliche Folgen wie Deindustrialisierung und Arbeitsplatzverluste erwarten.

Die geopolitische Lage ist nach wie vor einer der Hauptgründe für die Unsicherheit hinsichtlich Kernenergie bei Österreicherinnen und Österreichern. Dennoch gilt unter den Befragten grundsätzlich der Tenor: Nein zu Atomkraft ist ein "Luxus, den wir uns nicht leisten können."

Einschätzung der Expertin?

Sorgen hinsichtlich der Energiewende und dass diese nicht machbar sei ohne Atomenergie in Österreich teilt DI Raphael Zimmerl, Beauftragter für Atomenergie, Erneuerbare Energien und  Technischer Umweltschutz von der Wiener Umwelt Anwaltschaft, in einem Gespräch mit heute.at nicht. Die Energiewende sei mit dem Ausbau der erneuerbaren Energie "gut machbar".

Der globale Trend gehe laut Zimmerl eindeutig Richtung erneuerbare Energien. Ein Atomkraftwerk in Österreich sei, so Zimmerl, in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

{title && {title} } red, {title && {title} } 12.06.2026, 20:30
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