Zunehmendes Problem

Livestream-Missbrauch: Prozess in Nürnberg gestartet

Ein Prozess in Nürnberg rückt das wachsende Phänomen sexueller Online-Ausbeutung von Kindern und die internationale Nachfrage ins Blickfeld.
Newsdesk Heute
07.07.2026, 13:45
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In Nürnberg startet jetzt der Prozess gegen einen 53-jährigen Mann aus dem mittelfränkischen Bezirk Erlangen-Höchstadt. Sein Fall steht laut Fachleuten exemplarisch für ein Massenproblem, das erst durch moderne Technik so richtig möglich wurde.

Die Organisation International Justice Mission (IJM) setzt sich seit fast 30 Jahren gegen moderne Sklaverei und sexuelle Ausbeutung von Kindern ein. Zu Beginn ging es dabei noch um Verbrechen, die direkt im echten Leben passiert sind, erklärt Martin Lewerentz von IJM Deutschland. So gab es etwa auf den Philippinen ganze Viertel, in denen Kinder zur Prostitution gezwungen wurden. Wie NTV berichtet, hat sich dieses Verbrechen mittlerweile ins Internet verlagert.

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Für die Pädokriminellen ist das Entdeckungsrisiko dadurch deutlich geringer, und sie müssen nur relativ wenig zahlen, um an die gewünschten Missbrauchsdarstellungen zu kommen. Dadurch ist diese Form der sexuellen Ausbeutung von Kindern zu einem Massenphänomen geworden.

Anweisungen via Stream

Das Bundeskriminalamt (BKA) spricht bei diesen Taten von "Livestreaming". Dabei sehen die Täter nicht nur live im Internet zu, wie Kinder sexuelle Handlungen an sich selbst, anderen Kindern oder Erwachsenen vornehmen, sondern geben oft auch noch genaue Anweisungen, was passieren soll.

Im aktuellen Fall, der ab 7. Juli am Landesgericht Nürnberg behandelt wird, geht die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg nur bei zwei Taten von echtem Livestreaming aus. In den meisten Fällen hat der Angeklagte laut Leitendem Oberstaatsanwalt Thomas Goger Videos und Fotos zugeschickt bekommen. Meistens gab er der Mutter und dem Kind über einen Messengerdienst Anweisungen.

Globale Nachfrage

Laut IJM sind die zahlenden Auftraggeber meist Männer aus Europa, Nordamerika oder Australien. Deutschland ist dabei ein zentrales Nachfrageland, sagt Lewerentz. "Der zahlende Täter im Ausland ist dabei nicht bloß passiver Zuschauer." Und: "Die Nachfrage aus dem Ausland schafft den finanziellen Anreiz und ist unmittelbarer Teil der Tat."

Anbieter meist aus Familie

Die Täter nehmen laut Bundeskriminalamt über soziale Netzwerke, Datingseiten, Chatforen oder spezielle Cam-Sex-Plattformen Kontakt zu den filmenden Anbietern auf. Laut World Childhood Foundation sind das häufig die Eltern, Verwandte, Freunde oder Nachbarn der Kinder.

"Das macht die Aufdeckung so schwierig, weil die Tat genau dort passiert, wo das Kind oder der Jugendliche eigentlich Schutz erwarten sollte", erklärt Judith Bader, Geschäftsführerin der Organisation in Deutschland. Die Philippinen sind ein Schwerpunkt für diese Verbrechen, aber ähnliche Strukturen gibt es auch in anderen Ländern Südostasiens und in Lateinamerika.

Drastisches Ausmaß

Eine Studie von IJM und der Universität in Nottingham hat untersucht, wie viele Kinder auf den Philippinen Opfer von sexueller Online-Ausbeutung werden – also für Fotos, Videos und Livestreams missbraucht werden. Das Ergebnis: Im Jahr 2022 waren es fast eine halbe Million Kinder. Im Schnitt sind sie laut Lewerentz elf Jahre alt. Auch sehr kleine Kinder sind betroffen.

Insgesamt ist die Dunkelziffer hoch, so Lewerentz. "Bekannt werden viele Fälle erst, wenn in Nachfrageländern Missbrauchsdarstellungen, Chatprotokolle, Zahlungsdaten oder Geräte ausgewertet werden und Hinweise an die Philippinen weitergeleitet werden."

Armut als Ursache

Die Hauptmotivation ist laut IJM meistens Geld. Ein Livestream von den Philippinen kostet umgerechnet etwa 9 bis 36 US-Dollar. "Die Kinder werden für aus hiesiger Sicht sehr geringe Beträge angeboten", sagt Ermittler Goger dazu. "Nach den wirtschaftlichen Verhältnissen vor Ort handelt es sich jedoch angesichts der oft vorherrschenden Armut um nicht unerhebliche Einnahmen."

Im Nürnberger Prozess wirft die Generalstaatsanwaltschaft dem Angeklagten schweren sexuellen Missbrauch von Kindern in Dutzenden Fällen vor. In einem Fall reiste er selbst auf die Philippinen, um sich an dem Mädchen zu vergehen.

In letzter Zeit zeigt sich eine veränderte Rechtsauffassung, sagt Lewerentz. Früher wurden die Täter bei Livestreaming oft nur wegen Besitzes kinderpornografischer Materialien verurteilt. Jetzt häufen sich aber die Urteile mit längeren Haftstrafen wegen sexuellen Missbrauchs, auch wenn dieser online stattgefunden hat.

So hat das Landesgericht im baden-württembergischen Ellwangen vor kurzem einen 46-Jährigen zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Die Anstiftung zu einer Tat sei genauso zu bewerten wie die Tat selbst, begründete der Richter damals.

{title && {title} } red, {title && {title} } 07.07.2026, 13:45
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