Andrea (Namen geändert) ist alleinerziehende Mutter und arbeitet Vollzeit im Handel. Seit zwei Monaten weiß die 34-Jährige nicht mehr weiter: Ihrem Sohn Kilian (4) wurde von einem Tag auf den anderen der Kindergartenplatz gekündigt – nachdem bei ihm eine Entwicklungsverzögerung mit Verdacht auf ADHS diagnostiziert worden war.
"Mein Sohn wurde über längere Zeit als zu anstrengend dargestellt", erinnert sich die Wienerin. Seit seinem zweiten Lebensjahr besuchte Kilian einen Kindergarten der Kinderfreunde im 12. Bezirk. "Mir wurde gesagt, er höre oft nicht zu und sei laut. Ich wurde regelmäßig gebeten, ihn früher abzuholen", schildert die Mutter.
Laut Andrea habe ihr der Kindergarten mehrfach erklärt, dass für ihren Sohn mit einer offiziellen Diagnose bessere Unterstützung und sogar eine 1:1-Betreuung möglich wären. Der Grund: Der Kindergarten könne dadurch zusätzliche Fördermittel der Stadt Wien erhalten. Tatsächlich erhöhte die Stadt heuer die Förderungen für private Kindergärten, um ihr Personal aufstocken, inklusive pädagogische Konzepte weiterentwickeln und die räumliche Ausstattung verbessern zu können.
Da die Wartezeiten in vielen Diagnosezentren bis zu einem Jahr betrugen, wandte sich Andrea an ein privates Zentrum und zahlte rund 2.000 Euro für die Abklärung. Das Ergebnis: Entwicklungsverzögerung mit Verdacht auf ADHS.
"Doch plötzlich war im Kindergarten keine Rede mehr von Unterstützung. Stattdessen wurde so getan, als hätte es diese Zusagen nie gegeben", erzählt die 34-Jährige. "Ich hatte zunehmend das Gefühl, als unglaubwürdig dargestellt zu werden. Dabei war genau diese Aussicht auf Hilfe der Grund, warum ich die teure private Diagnostik überhaupt machen ließ."
Kurz darauf wurde Andrea gebeten, ihren Sohn nur noch von 9 bis 12 Uhr in den Kindergarten zu bringen. "Das war für mich unmöglich. Ich bin alleinerziehend und arbeite Vollzeit. Ich bin auf mein Einkommen angewiesen", sagt sie. Im April folgte plötzlich die Kündigung des Kindergartenplatzes.
Die verzweifelte Mutter wandte sich daraufhin an die MA 10 – Wiener Kindergärten. Dort sei ihr erklärt worden, dass private Träger Betreuungsplätze auch ohne Angabe wichtiger Gründe kündigen können.
Seitens der Kinderfreunde möchte man den Fall der Alleinerzieherin nicht kommentieren. Lediglich heißt es gegenüber "Heute": "An den Standorten stehen unterschiedliche Unterstützungsangebote wie zusätzliche Assistenzstunden sowie fachliche Begleitung durch spezialisierte Teams zur Verfügung."
Die Begleitung und Förderung von Kindern erfolge jedoch entsprechend der jeweiligen Bedürfnisse im Rahmen der vorhandenen Ressourcen und gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Erst kürzlich sorgte ein ähnlicher Fall für Aufsehen – "Heute" berichtete. Eine Mutter verklagte die Stadt Wien. Der Grund: Ihr Sohn mit ADHS durfte täglich nur zwei Stunden in den Kindergarten, obwohl ihm vier Stunden Betreuung zugestanden wären. Vom Kindergarten habe es geheißen, dafür fehlten die notwendigen Ressourcen.
Andrea sucht nun seit rund zwei Monaten verzweifelt nach einem neuen Platz für ihren Sohn. Da er erst vier Jahre alt ist, ist er noch nicht kindergartenpflichtig. Zudem benötigt er einen Integrationsplatz.
"Bei der Stadt Wien hat man mir gesagt, dass die Chancen derzeit schlecht stehen. Es warten bis zu 1.500 Kinder auf einen Platz. Ich habe auch zahlreiche private Träger kontaktiert, aber von keinem eine Antwort erhalten", berichtet die Wienerin. Die Situation belastet die Alleinerzieherin zunehmend. "Ich habe das psychisch nicht mehr ausgehalten", sagt sie. Derzeit befindet sich die Wienerin im Krankenstand und betreut ihren Sohn zu Hause.