Kurz vor der Wahl der neuen ORF-Spitze sorgt eine Personalentscheidung für Aufsehen: Pius Strobl wurde von ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher mit sofortiger Wirkung vom Dienst freigestellt.
Wie zuerst das Magazin "Profil" berichtete, erfolgte die Freistellung am Montag. Vom ORF wurde die Maßnahme wenig später bestätigt. "Diese Maßnahme erfolgte, um eine unvoreingenommene und unbeeinflusste Durchführung der Untersuchung durch die ORF-Compliance-Stelle sicherzustellen, und stellt keine Vorverurteilung dar", teilte der Sender mit.
Strobl selbst erklärte gegenüber der "Presse", dass ihm die Gründe für die Freistellung nicht bekannt seien. "Ich weiß nicht, was mir vorgeworfen wird." Er sei zur Verschwiegenheit verpflichtet und habe von der Entscheidung selbst erst am Montag per E-Mail erfahren. Die Freistellung gelte "bis auf Widerruf".
Auch gegenüber den "Salzburger Nachrichten" betonte Strobl, dass ihm "bis dato keine Gründe und Begründungen bekannt gemacht wurden". Daher werde er vorerst keine weitere Stellungnahme abgeben.
In den vergangenen Monaten war Strobl im Zusammenhang mit der Causa Roland Weißmann verstärkt in den Fokus geraten. Dem ehemaligen ORF-Generaldirektor waren Vorwürfe der sexuellen Belästigung gemacht worden, woraufhin er zurücktrat. In weiterer Folge brachte Weißmann gegen die Betroffene eine Anzeige wegen Erpressung ein.
Für Aufmerksamkeit sorgte im Mai ein weiterer Umstand: Die Frau wurde im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wien am Wohnsitz Strobls von der Polizei angetroffen. Gegen die Betroffene läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der schweren Erpressung und des Missbrauchs von Tonaufnahmegeräten. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Nach Angaben der Ermittler war die Frau zuvor an ihren gemeldeten Wohnadressen nicht angetroffen worden. Nachdem ein Richter die Ortung ihres Mobiltelefons genehmigt hatte, wurde sie schließlich bei Strobl ausfindig gemacht. Offiziell teilen sich die Betroffene und Strobl denselben Rechtsanwalt.
Ein weiterer Streitpunkt ist ein Pensionsvertrag, den Strobl mit dem früheren ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz abgeschlossen haben soll. Ende April erhielten Mitglieder des ORF-Stiftungsrats Einsicht in die Unterlagen. Dabei ging es um Rückstellungen für eine spätere Pension.
Der Vertrag sorgte dennoch für Kritik. FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler vertrat nach Einsichtnahme die Ansicht, dass wegen des Verdachts auf Untreue und Bilanzfälschung ermittelt werden sollte. Ähnlich äußerte sich ORF-Stiftungsrat Leonhard Dobusch. "Nach Durchsicht der Unterlagen möchte ich noch einmal ausdrücklich meine Empfehlung an die neue Generaldirektorin in der letzten Stiftungsratssitzung wiederholen, in der Causa Strobl/Wrabetz eine Sachverhaltsdarstellung wegen mutmaßlicher Untreue und Bilanzfälschung einzubringen", schrieb er auf Bluesky.
Die Staatsanwaltschaft Wien prüft mittlerweile einen Anfangsverdacht.
Ob diese Vorgänge mit den nun laufenden Untersuchungen der ORF-Compliance-Stelle zusammenhängen, ist derzeit unklar. Innerhalb des ORF wird laut Medienberichten über den Zeitpunkt der Freistellung diskutiert – diese erfolgte wenige Tage vor der Wahl der neuen ORF-Spitze. Über die Hintergründe wird derzeit spekuliert. Eine offizielle Begründung über die laufende Compliance-Prüfung hinaus liegt bislang nicht vor.