Nukleares Wettrüsten

Trump, Putin: "Bald keine Grenzen mehr für Atombomben"

Russland und die USA wollen wieder Atomtests durchführen. Wie groß ist das Risiko eines nuklearen Abschusses? Marc Finaud erklärt die Gefahr.
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02.11.2025, 13:15
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Abs sofort sollen die Vereinigten Staaten von Amerika wieder mit Atomwaffentests beginnen. Das hat der US-Präsident Donald Trump in Reaktion auf Wladimir Putins Drohgebärden angekündigt.

Die Gefahr eines erneuten Einsatzes einer Atombombe steigt damit weiter an, erklärt Marc Finaud.

Der Associate Fellow am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP) gab im Interview mit dem Schweizer Nachrichtenportal "20 Minuten" eine Einschätzung der Lage und darauf, was der Welt nun drohen könnte.

Seine wichtigsten Aussagen im Wortlaut:

Warum braucht es überhaupt Atomtests – als ob wir nicht wüssten, wie diese Waffen funktionieren?

Finaud: Offiziell dienen Atomtests dazu, die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Waffen zu gewährleisten. In der Praxis sind jedoch keine echten nuklearen Explosionen mehr nötig, da Tests seit über 30 Jahren mithilfe von Simulationen und Lasertechnologie durchgeführt werden – mit Ausnahme Nordkoreas, das seinen letzten explosiven Test 2017 durchgeführt hat.

Haben solche Tests einen militärischen Nutzen oder sind sie vor allem politisches Signal?

Staaten mit Atomwaffen glauben, dass sie deren Wirksamkeit sicherstellen müssen. Die meisten modernisieren derzeit ihre Arsenale und führen Tests durch, bevor neue Waffengenerationen einsatzbereit sind. Im aktuellen Kontext ist Trumps Ankündigung vor allem eine Reaktion auf Russlands Ankündigung, neue Atomwaffen zu testen – allerdings ohne echte Explosionen.

Läuft die Welt auf ein neues nukleares Wettrüsten zu?

Ja, wenn der "New Start-Vertrag" von 2010 im Februar 2026 wie geplant ausläuft und nicht durch ein neues Abkommen ersetzt wird, gibt es keine Beschränkungen mehr für die Größe und Zusammensetzung der einsatzbereiten amerikanischen und russischen Atomwaffenarsenale. Das würde das ohnehin andauernde Wettrüsten weiter verschärfen. Putin hat vorgeschlagen, die Vertragsbeschränkungen für ein Jahr weiter anzuwenden, um Zeit für neue Verhandlungen zu schaffen – doch die USA haben bisher nicht reagiert.

Steigt damit auch das Risiko, dass Atomwaffen tatsächlich eingesetzt werden?

Das Risiko eines Atomwaffeneinsatzes ist bereits stark gestiegen und wird von führenden Politikern wie dem UN-Generalsekretär António Guterres als höher denn je eingeschätzt. Grund dafür sind neue Waffentypen, die als "einsetzbarer" gelten – etwa solche mit geringer Sprengkraft, die von Hyperschallraketen getragen werden, die nicht abgefangen werden können, oder nuklear betriebene Raketen und Torpedos, wie sie Russland kürzlich vorgestellt hat. Zudem befinden sich Atomwaffen in den Händen von Staaten, die sich feindlich gegenüberstehen und offen mit ihrem Einsatz drohen, etwa Indien und Pakistan.

Wie realistisch ist ein baldiger Neustart amerikanischer Atomtests in technischer, rechtlicher oder logistischer Hinsicht?

Explosionstests wären nutzlos, teuer und gefährlich für Menschen und Umwelt. Das Testgelände in Nevada müsste aufwendig saniert werden. Das würde Zeit und erhebliche Mittel erfordern, die der Kongress wohl kaum bewilligen würde, ganz zu schweigen vom Widerstand der lokalen Bevölkerung und der Zivilgesellschaft. Die USA könnten jedoch ihre regelmäßigen nicht-explosiven Tests stärker öffentlich betonen.

An wen richtet sich Trumps Botschaft?

Die Hauptbotschaft richtet sich an Russland und China, um die Überlegenheit der US-Atomwaffen zu unterstreichen. Ein konservatives Publikum im Inland könnte diese Machtrhetorik gutheißen, doch es ist fraglich, ob Trump die Mehrheit der Amerikaner davon überzeugen kann, dass dies notwendig oder sinnvoll ist.

Stärken Tests tatsächlich die Abschreckung oder sind sie nur symbolische Politik?

Explosive Tests waren während des Kalten Krieges ein starkes Signal nuklearer Stärke. Heute sind sie überflüssig, und eine Ankündigung wie die Trumps ist rein rhetorisch. Doch die nicht-explosiven Tests sind Teil des neuen Wettrüstens – sie sollen die Welt beeindrucken, ähnlich wie Putins Demonstrationen, mit denen er westliche Unterstützung für die Ukraine abschrecken will.

Wie könnten Russland, China oder Nordkorea auf einen US-Test reagieren?

Die Hauptgefahr ist Nachahmung – auch wenn explosive Tests eigentlich unnötig sind und durch den umfassenden Atomteststoppvertrag (CTBT) verboten wurden. Leider ist dieser 1996 verabschiedete Vertrag bis heute nicht in Kraft getreten, weil neun Staaten ihn noch nicht ratifiziert haben, darunter die USA, Russland, China und Nordkorea. Dennoch ist das Verbot explosiver Tests zu einer starken internationalen Norm geworden, die von der großen Mehrheit der Staaten unterstützt wird.

Welche Umwelt- und Gesundheitsrisiken drohen, falls Tests wieder aufgenommen werden?

Die rund 2000 explosiven Tests – davon über 600 in der Atmosphäre – haben in der Zeit des Kalten Krieges massive und irreversible Umweltschäden angerichtet, etwa in Kasachstan, Australien, den Marshallinseln, Algerien und Französisch-Polynesien. Die Zahl der Opfer ist schwer zu beziffern, doch die NGO International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) schätzte Anfang der 1990er-Jahre die Zahl der dadurch verursachten Krebsfälle auf Millionen.

Welche Szenarien sind jetzt am wahrscheinlichsten?

Das größte Risiko ist eine Beschleunigung des Wettrüstens, möglicherweise mit einer Kettenreaktion weiterer Tests, auch explosiver. Gleichzeitig könnten neue Verhandlungen über Rüstungsbegrenzungen ausbleiben. Andererseits könnte sich die öffentliche Meinung – auch in den USA – zusammen mit der internationalen Gemeinschaft mobilisieren und Druck für neue Verhandlungen ausüben, um das Wettrüsten zu bremsen.

Zusammenfassung

Die USA sollen laut Präsident Donald Trump sofort mit neuen Atomwaffentests beginnen. Das wird als Reaktion auf Atomwaffentests von Russland angesehen. Laut Marc Finaud, Experte für Abrüstung und internationale Sicherheit, ist die Gefahr eines atomaren Wettrüstens – und damit auch die Gefahr eines neuerlichen Atombombenabwurfs – so groß wie noch nie.

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