Wie steht es wirklich um Österreichs bedrohte Wildtiere? Ausgerechnet bei dieser entscheidenden Frage tappt man vielerorts im Dunkeln. Denn die Daten, auf denen die österreichische Rote Liste der Säugetiere beruht, wurden bereits vor mehr als 21 Jahren erhoben. Für den Österreichischen Tierschutzverein ist das ein untragbarer Zustand – besonders dann, wenn gefährdete oder potenziell gefährdete Arten weiterhin bejagt werden.
Ein besonders umstrittenes Beispiel ist das Murmeltier. Laut Tierschutzverein werden in Österreich jährlich rund 7.200 dieser Alpenbewohner erlegt, obwohl aktuelle, umfassende Bestandsdaten fehlen. Wie sich die Populationen in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt haben, sei damit nicht ausreichend geklärt.
„Je stärker eine Tierart gefährdet ist, desto genauer müssen wir prüfen, ob ihre Bejagung überhaupt vertretbar ist.“Alexios Wiklund Österreichischer Tierschutzverein
Nur weil ein Tier gesetzlich bejagt werden dürfe, sei seine Tötung noch lange nicht ökologisch notwendig.
Deutliche Worte findet auch der renommierte Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal. Er bezeichnet die Jagd in ihrer heutigen Form sogar als größtes Hindernis für Arten- und Naturschutz in Österreich. Statt wissenschaftliche Erkenntnisse in den Vordergrund zu stellen, würden Jagdverbände seiner Ansicht nach an alten Gepflogenheiten und der Jagd als Freizeitvergnügen festhalten.
Kotrschal fordert deshalb eine grundlegende Reform hin zu einem tierschonenden Artenschutz- und Ökosystemmanagement. Auch der Tierschutzverein stellt klar: Tradition, Trophäen und Freizeitvergnügen dürfen keine ausreichende Rechtfertigung für das Töten von Wildtieren sein.
Besonders alarmierend ist für die Tierschützer der Zustand der wissenschaftlichen Datengrundlagen. Laut Aussendung sind derzeit lediglich drei von 27 nationalen Roten Listen aktuell. Dabei sollen diese Verzeichnisse eigentlich frühzeitig davor warnen, wenn Tierarten zunehmend unter Druck geraten oder ihre Bestände dramatisch zurückgehen.
Der Österreichische Tierschutzverein fordert daher aktuelle Bestandserhebungen, ein bundesweit einheitliches Jagdgesetz mit verbindlichen Tierschutzstandards und eine wissenschaftlich begründete Entscheidung über jeden Abschuss.
Denn die entscheidende Frage lautet: Wie kann man Wildtiere wirksam schützen, wenn man nicht einmal ausreichend weiß, wie viele von ihnen noch leben?