Du ziehst die Jacke enger, während dir der eisige Wind ins Gesicht bläst. Am liebsten würdest du sofort zurück ins Warme. Doch ausgerechnet niedrige Temperaturen könnten einen überraschenden Vorteil haben: Sie können bestimmte Alterungsprozesse beeinflussen und bei manchen Tieren sogar das Leben verlängern. Wie das funktioniert, haben Forschende der Uniklinik Köln nun genauer untersucht. Ihre Entdeckung könnte eines Tages auch für die Medizin interessant werden.
Dass manche Tiere in kühler Umgebung länger leben, ist schon länger bekannt. Was dabei im Körper passiert, war allerdings nicht vollständig geklärt. Ein Forschungsteam um David Vilchez untersuchte deshalb Fadenwürmer bei unterschiedlichen Temperaturen. Dabei zeigte sich: Bei kühlen 15 Grad produzierten die Muskelzellen der winzigen Tiere deutlich mehr Dihydrobiopterin, kurz BH2, als bei höheren Temperaturen. Dieser Stoff setzt im Körper eine erstaunliche Reaktionskette in Gang.
BH2 gelangt von den Muskeln in andere Gewebe und fördert über mehrere Zwischenschritte die Bildung der Aminosäure Tyrosin. Diese hilft den Zellen, beschädigte und verklumpte Eiweiße abzubauen. Solche Proteinablagerungen können sich mit zunehmendem Alter ansammeln und wichtige Zellfunktionen beeinträchtigen. Besonders spannend: Als die Forschenden den Würmern zusätzlich Tyrosin verabreichten, lebten diese auch bei normalen 20 Grad länger.
Der lebensverlängernde Effekt ließ sich also zumindest bei den Versuchstieren teilweise ohne zusätzliche Kälte auslösen.
Das Team überprüfte den Mechanismus anschließend an menschlichen Zellmodellen. Bei fehlgefalteten Proteinen, wie sie im Zusammenhang mit Erkrankungen wie Huntington oder ALS auftreten, gingen die krankhaften Ablagerungen nach der Zugabe von BH2 oder Tyrosin zurück. Das macht die Ergebnisse besonders interessant für die Erforschung altersbedingter Erkrankungen.
So vielversprechend die Entdeckung klingt: Dass Kälte auch das menschliche Leben verlängert, ist damit nicht bewiesen. Die bisherigen Ergebnisse stammen aus Experimenten mit Fadenwürmern und menschlichen Zellen. Ob der Mechanismus bei lebenden Säugetieren ähnlich funktioniert, muss erst untersucht werden.
Auch die geeignete Dosierung und mögliche Risiken einer Behandlung sind noch offen. Einfach Tyrosinpräparate einzunehmen, lässt sich aus der Studie daher nicht empfehlen.