Du schnürst deine Laufschuhe, drehst eine Runde durch den Park und fühlst dich danach richtig gut. Schließlich gilt Joggen als eine der einfachsten Möglichkeiten, etwas für die eigene Fitness zu tun. Doch ausgerechnet das soll jetzt einen unerwünschten Nebeneffekt haben: eine breitere Taille. Zumindest behauptet das eine US-Influencerin auf TikTok – und verunsichert damit Millionen Menschen.
Unter dem Namen "Runner’s Waist" verbreitet sich eine neue Fitness-Debatte. Aber kann regelmäßiges Laufen die Körpermitte tatsächlich breiter machen? Ein Sportmediziner erklärt, was hinter dem vermeintlichen Phänomen steckt.
Ausgelöst hat die Diskussion die US-Amerikanerin Lauren Cantrell. In einem TikTok-Video stellt sie die Frage, ob man vom Laufen eine sogenannte "Runner’s Waist", also eine Läufer-Taille, bekommen könne. Ihre Antwort fällt eindeutig aus: Ja! Cantrell erzählt, dass sie diesen Effekt bereits zum zweiten Mal an ihrem eigenen Körper beobachtet habe. Aktuell läuft sie rund 48 Kilometer pro Woche und trainiert intensiv.
Wer gelegentlich gemütlich fünf Kilometer joggt, müsse sich ihrer Meinung nach keine Gedanken machen. Anders sehe es aus, wenn man auf Tempo trainiere oder lange Strecken zurücklege.
Mit dieser Aussage trifft sie offenbar einen Nerv: Mehr als elf Millionen Mal wurde das Video bereits angesehen.
In den Kommentaren gehen die Meinungen auseinander. Während manche Nutzerinnen plötzlich um ihre Figur fürchten, reagieren andere genervt auf den nächsten vermeintlichen Schönheitsmakel. "Ugh, wir können einfach gar nichts mehr machen", schreibt eine Userin. Eine andere fragt sich, warum eine kräftige Körpermitte überhaupt als etwas Negatives dargestellt werde. Bevor du deine Laufschuhe jetzt enttäuscht in den Schrank stellst, lohnt sich ein Blick auf die Wissenschaft – denn die hat zu dieser Behauptung eine ziemlich klare Antwort.
Prof. Dr. med. Johannes Scherr, Leiter des Universitären Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der Universitätsklinik Balgrist in Zürich, kann die Aufregung nicht nachvollziehen. "'Runner’s Waist' ist ein Social-Media-Begriff. Ein eigenständiges Phänomen einer durch Laufen verursachten Taillenverbreiterung ist in der Fachliteratur bislang nicht beschrieben", erklärt er gegenüber "20 Minuten".
Im Gegenteil: Studien zeigen, dass Ausdauertraining bei Menschen mit Übergewicht den Taillenumfang sogar reduzieren kann. Ob sich diese Ergebnisse auf sehr schlanke Läuferinnen und Läufer übertragen lassen, ist allerdings eine andere Frage.
Ganz aus der Luft gegriffen ist der Gedanke hinter dem Trend nicht. Schließlich arbeitet beim Laufen nicht nur die Beinmuskulatur. Auch Bauch und Rücken sind ständig im Einsatz, um den Oberkörper zu stabilisieren. Doch nur weil ein Muskel arbeitet, wird er nicht automatisch größer.
Laut Scherr ist eine muskuläre Anpassung zwar grundsätzlich möglich. Dass gewöhnliches Lauftraining die Taille sichtbar verbreitert, ist wissenschaftlich aber nicht nachgewiesen. Wer gezielt Bauchmuskeln aufbauen möchte, erreicht mit entsprechendem Krafttraining in der Regel mehr als durch reine Laufeinheiten.
Dass manche Läufer Veränderungen an ihrer Figur bemerken, muss also nicht eingebildet sein. Nur steckt dahinter möglicherweise etwas ganz anderes: Verliert der Körper etwa Fett an Hüften, Oberschenkeln oder Brust, verändern sich die Proportionen. Dadurch kann die Taille optisch breiter wirken, obwohl ihr tatsächlicher Umfang gleich geblieben oder sogar kleiner geworden ist.
Auch Ernährung und Verdauung spielen eine Rolle: Wer intensiv trainiert, hat möglicherweise mehr Hunger oder greift häufiger zu Sportgetränken und Energieriegeln. Das kann sich auf Gewicht und Bauchgefühl auswirken. Hinzu kommen kurzfristige Einflüsse wie Blähungen, hormonelle Schwankungen oder der Zeitpunkt, zu dem du deinen Taillenumfang misst. Selbst Körperhaltung und Atmung können das Ergebnis verändern.
Die kurze Antwort lautet: Nein. Es gibt derzeit keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Joggen automatisch eine breitere Taille verursacht. Scherrs Fazit ist eindeutig: "Dass Laufen die Taille sichtbar verbreitert, ist nicht belegt."