Wer krank ist, sollte sich auskurieren. In Österreich schaut die Realität aber oft anders aus: Laut aktuellem Arbeitsklima Index der AK Oberösterreich haben 65 Prozent der Beschäftigten in den vergangenen sechs Monaten trotz Krankheit gearbeitet. Das ist ein neuer Höchststand.
Besonders hart trifft es jene, die ohnehin am Limit arbeiten. Im Gesundheits- und Sozialwesen gehen 77 Prozent krank arbeiten, im Unterrichtswesen sind es 73 Prozent. Dort, wo Personal fehlt und der Druck besonders hoch ist, wird Krankenstand für viele offenbar zum Luxus.
Auch zwischen Männern und Frauen finden sich deutliche Unterschiede. Während 68 Prozent der Frauen angeben, in den vergangenen sechs Monaten trotz Erkrankung gearbeitet zu haben, liegt dieser Anteil bei Männern bei 62 Prozent. Zudem weisen jüngere Beschäftigte mit 68 Prozent höhere "Präsentismuswerte" auf als ältere Arbeitnehmer.
Auch Homeoffice ist kein Schutz. Wer von zu Hause arbeitet, bleibt sogar öfter trotz Krankheit am Ball – hier liegt der Anteil jener, die auch angeschlagen noch werken, bei 70 Prozent.
Hauptgründe sind laut der Erhebung Pflichtgefühl, fehlende Vertretung und die Angst, dass die Arbeit liegenbleibt. Viele Beschäftigte wollen Kollegen nicht im Stich lassen, andere fürchten Ärger im Betrieb. AK-Präsident Andreas Stangl warnt deshalb vor einem überlasteten System – krank zu arbeiten sei kein persönliches Versagen, sondern ein Zeichen fehlender Reserven.
Arbeiten trotz Krankheit ist jedoch, so die AK, nicht nur kurzfristig belastend, sondern kann langfristig gesundheitliche Folgen haben. Betroffene erleben öfter Müdigkeit und Erschöpfung, worunter die Konzentrationsfähigkeit leidet. Ein erheblicher Teil der Befragten beschreibt außerdem, länger krank gewesen zu sein, als dies wohl bei Bettruhe der Fall gewesen wäre.
Parallel kippt die Stimmung im Job. Der Arbeitsklima Index zeigt, dass Zeit- und dauernder Arbeitsdruck die Zufriedenheit massiv nach unten ziehen. Wer stark unter Druck steht, ist deutlich seltener mit der eigenen Tätigkeit, dem Arbeitsumfeld und der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zufrieden.
Die Arbeiterkammer Oberösterreich fordert deshalb klare Schritte: keine Verschlechterungen bei der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz im Krankenstand, mehr Prävention und vor allem ausreichend Personal.
Der Arbeitsklima Index wird seit 30 Jahren von der Arbeiterkammer Oberösterreich gemeinsam mit den Forschungsinstituten Ifes und Foresight erhoben. Jährlich werden dafür mehr als 4.000 Beschäftigte befragt, um ein verlässliches Bild der Stimmung am österreichischen Arbeitsmarkt zu erhalten.