Für drei Gesellschaften der Pollmann-Gruppe mit Sitz in Karlstein an der Thaya (Bezirk Waidhofen an der Thaya) ist am Dienstag am Landesgericht Krems die Eröffnung von Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung beantragt worden. Der international tätige Autozulieferer steckt tief in finanziellen Schwierigkeiten.
Betroffen sind die Pollmann International GmbH, die Pollmann Austria GmbH und die Pollmann Werkzeugbau GmbH. Der KSV1870 rechnet mit einer zeitnahen Eröffnung der Insolvenzverfahren.
Die Dimension ist beträchtlich: Nach Angaben der Unternehmen entfallen auf die Pollmann International GmbH rund 32,1 Millionen Euro, auf die Pollmann Austria GmbH etwa 34,3 Millionen Euro und auf die Pollmann Werkzeugbau GmbH weitere 7,5 Millionen Euro an Passiva. Insgesamt sind das knapp 74 Millionen Euro.
Auch zahlreiche Gläubiger sind betroffen. Bei der International GmbH sind es laut KSV1870 rund 90, bei der Austria GmbH etwa 230 und beim Werkzeugbau rund 36. Damit geht es insgesamt um mehr als 350 Gläubiger.
Laut KSV1870 beschäftigen die drei Gesellschaften zusammen 461 Mitarbeiter: 83 bei Pollmann International, 321 bei Pollmann Austria und 57 beim Werkzeugbau. Löhne und Gehälter wurden demnach jeweils bis einschließlich Juli 2026 bezahlt.
Das Unternehmen selbst spricht von insgesamt rund 500 betroffenen Mitarbeitern. Die Produktion soll jedenfalls weiterlaufen. Ein Kahlschlag sei nicht geplant, Ziel sei es vielmehr, "einen Großteil" der Beschäftigten zu halten. Zudem gebe es bereits "weit fortgeschrittene Investorengespräche".
Die Pollmann-Gruppe blickt auf eine rund 130-jährige Unternehmensgeschichte zurück. Die Pollmann International GmbH fungiert als Konzernholding und übernimmt vor allem Management- und Finanzierungsaufgaben.
Die Pollmann Austria GmbH betreibt das größte Produktionswerk der Gruppe. Gefertigt werden hochpräzise Kunststoff-Metall-Komponenten und Baugruppen für die Autoindustrie – unter anderem für Schiebedächer, Türschloss-Systeme, Motor und Antriebsstrang sowie für die Elektromobilität.
Die Werkzeugbau GmbH wiederum konstruiert und fertigt Spritzguss- und Stanzwerkzeuge für die Serienproduktion. Dazu kommen unter anderem Instandhaltung, Werkzeugüberholung und messtechnische Dienstleistungen.
Die Neuaufstellung des Unternehmens hatte bereits vor dem Insolvenzantrag begonnen. Dazu zählen ein Wechsel an der Unternehmensspitze, die Zusammenlegung und Verlagerung eines Standorts nach Karlstein, der Verkauf nicht betriebsnotwendiger Liegenschaften sowie die Suche nach Investoren.
Die ausländischen Tochterunternehmen in Tschechien, Mexiko und China sind von den österreichischen Verfahren nicht betroffen. Das gilt laut Unternehmen auch für die Maxxom Automation GmbH. Betriebsrat und Arbeiterkammer seien angesichts der großen Zahl betroffener Beschäftigter eng in den Prozess eingebunden.
Als wesentlichen Grund für die finanzielle Schieflage nennt der KSV1870 unter Berufung auf die Schuldner die branchenweite Absatzkrise in der Automobilzulieferindustrie. Das Unternehmen selbst verweist auf den strukturellen Wandel in der Autoindustrie und den hohen Druck auf europäische Zulieferer.
Alle drei Gesellschaften haben ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung beantragt. Den Gläubigern wird jeweils eine Quote von 20 Prozent angeboten, die innerhalb von zwei Jahren nach Annahme des jeweiligen Sanierungsplans bezahlt werden soll.
Das Ziel ist die Fortführung und Sanierung der Betriebe. Die noch zu bestellenden Insolvenzverwalter müssen laut KSV1870 allerdings erst prüfen, ob eine Fortführung im Interesse der Gläubiger liegt und ob die Sanierungskonzepte tatsächlich umgesetzt werden können. Die vom KSV1870 veröffentlichten Schuldnerangaben waren zum Zeitpunkt der Mitteilung noch nicht überprüft.
"Das heute bekannt gewordene Antrag auf ein Sanierungsverfahren bei Pollmann ist der nächste schwere Schlag für den Industriestandort Niederösterreich. Ein traditionsreicher Autozulieferer aus dem Waldviertel gerät massiv unter Druck und Hunderte Arbeitsplätze sind betroffen. Das ist schon lange kein Einzelfall mehr, sondern der nächste Beleg für den industriellen Niedergang Europas, der von der Bundesregierung in Kauf genommen wird. Die europäische Auto- und Zulieferindustrie wird seit Jahren mit ideologischen Klimavorgaben, dem Green Deal und einer völlig verfehlten Industriepolitik gegen die Wand gefahren. Die Folgen dieser Politik treffen uns jetzt schon wieder ganz konkret in Niederösterreich", sagt Niederösterreichs Verkehrslandesrat und LH-Stellvertreter Udo Landbauer (FPÖ).
Und weiter: "Europa verliert immer mehr an Boden. Das muss doch endlich auch dem letzten Klimaideologen zu denken geben. Brüssel reguliert, verteuert und verbietet Europas Industrie aus dem Wettbewerb, während andere Teile der Welt produzieren, investieren und Marktanteile gewinnen. Was in Brüssel beschlossen wird, bleibt nicht in Brüssel. Diese Entscheidungen landen bei uns in Karlstein, in unseren Betrieben und am Ende bei den Familien, deren Arbeitsplätze und Existenzen davon abhängen", so Landbauer.
Besonders scharf kritisiert Landbauer die fehlende Planungssicherheit für die gesamte Branche. "Die Autoindustrie muss Investitionen auf viele Jahre hinaus planen. Statt klarer und verlässlicher Rahmenbedingungen gibt es ein politisches Hin und Her bei Antriebstechnologien, CO2-Vorgaben und dem Verbrenner-Aus. Heute wird eine Technologie verteufelt, morgen werden Vorgaben korrigiert und übermorgen neue Regeln beschlossen. So kann kein Unternehmen vernünftig investieren und langfristig planen. Ideologie ersetzt keine Industriepolitik."
"Der Insolvenzentgeltfonds sichert die Löhne und Gehälter, wenn es zu Unternehmensinsolvenzen kommt. Er ist der sichere Anker für die Betroffenen, damit es in solchen Fällen nicht unmittelbar zu existenziellen Notlagen kommt. Das ist auch jetzt beim Sanierungsverfahren für die drei Gesellschaften der Pollmann-Gruppe so", sagen die beiden Gewerkschafter Reinhold Binder (PRO-GE) und Mario Ferrari (GPA).
Die rund 500 betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden daher heute in Betriebsversammlungen auch darüber informiert, dass ihre Ansprüche durch den Fonds abgesichert sind, heißt es seitens der Gewerkschaft PRO-GE. Die Gewerkschaften PRO-GE und GPA sowie die Arbeiterkammer werden die Beschäftigten während des Sanierungsverfahrens zudem weitere rechtliche Beratung und Unterstützung anbieten.
Aber es herrsche Handlungsbedarf, sagen Binder und Ferrari, was die finanzielle Ausstattung des Fonds betreffe. Die aktuelle Unterfinanzierung des Insolvenzentgeltfonds sei dadurch entstanden, dass der IESG-Zuschlag für Arbeitgeber in den vergangenen Jahren massiv abgesenkt wurde. "Angesichts der steigenden Zahl an Unternehmenspleiten ist der Fonds zunehmend unter Druck. Wir fordern daher die sofortige Anhebung Arbeitgeberbeitrags", sagen Binder und Ferrari.