In der Debatte um Fachkräftemangel eskaliert der Streit um Lehrstellenzahlen jetzt komplett. Die Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) wirft der Wirtschaftskammer vor, mit "unseriösen Methoden" den Rückgang bei Lehrlingen und Ausbildungsbetrieben ins Gegenteil zu verkehren. In einer Pressemitteilung würde die WKÖ AMS-Zahlen irreführend darstellen, sodass aus einer Lehrstellenlücke ein Lehrstellenübergang entstehe.
"Mit Zahlentricks werden wir die notwendigen Facharbeitskräfte der Zukunft jedenfalls nicht bekommen", kritisierte Reinhold Binder, Vorsitzender der PRO-GE.
Die scharfen Vorwürfe will die Wirtschaftskammer nicht unkommentiert lassen. "Wenn man die Lehre attraktiver machen möchte, dann ist billige Polemik fehl am Platz, sondern Sachlichkeit geboten. Eine einfache Nachfrage beim AMS oder bei der Wirtschaftskammer hätte ausgereicht, um die Verwirrung der PRO-GE aufzuklären", heißt es von der WKÖ.
Das AMS unterscheide zwischen "sofort verfügbaren" und "nicht sofort verfügbaren" Lehrstellen . "Ein vollständiges Bild ergibt sich klarerweise nur, wenn man beide Werte zusammennimmt. Und zwar korrekterweise auf beiden Seiten, sowohl bei den Lehrstellensuchenden wie bei den offen gemeldeten Lehrstellen." So praktiziere das die WKÖ seit vielen Jahren.
Die WKÖ sieht dies auch als "methodisch korrekten und inhaltlich begründeten" Weg. Ein Lehrvertrag könne zwar unterjährig jederzeit unterzeichnet werden. Der Lehrbeginn orientiere sich aber typischerweise am Berufsschuljahr mit Schulstart im September. Ein Unternehmen, das eine offene Lehrstelle zu besetzen hat, melde diese typischerweise viel früher, etwa im Februar oder März, beim AMS. Dann allerdings klarerweise als "nicht sofort verfügbar" (weil für den Start im September).
Ein Lehrling, der einen Ausbildungsplatz sucht, werde hingegen in den meisten Fällen "sofort verfügbar" sein, weil er eben gerade mit der Schule fertig geworden ist. So erkläre sich die "offenkundige Verwirrung" der Gewerkschaft bei den Zahlen.
Zudem würden viele von den Betrieben beim AMS als offen gemeldete Lehrstellen besetzt, lange bevor sie sofort verfügbar sind. Ein Großteil der Lehrstellen werde außerdem nicht beim AMS gemeldet. Der Grund: "Wer aufgrund einer persönlichen Bewerbung bereits eine Lehrstellenzusage durch den Ausbildungsbetrieb hat, wird sich nicht auch noch beim AMS melden. So wie auch viele Betriebe nicht über das AMS Lehrlinge suchen, sondern lieber auf ihre eigene Personalsuche vertrauen."
Tatsächlich seien die Lehrlingszahlen derzeit unter Druck, unterstreicht die WKÖ. "Das hat viele Gründe: "Es gibt demografisch bedingt wesentlich weniger junge Menschen, die für eine Lehre in Frage kommen. Viele Ausbildungsbetriebe sind nach der längsten Rezession der Zweiten Republik massiv unter Druck. Der Ausbildungsaufwand ist extrem gestiegen – nicht zuletzt wegen der schulischen und sozialen Defizite bei vielen Jugendlichen", so die Erklärung.
"Die Ausbildungsbetriebe verdienen Respekt und Unterstützung. Sie leisten eine immens wertvolle und oft unbedankte Ausbildungsleistung im Interesse der jungen Menschen und der Gesellschaft. Das Thema ist zu wichtig für billige Polemik. Wer die Lehre fördern möchte, sollte die Ideologiebrille abnehmen und zur Sachlichkeit zurückkehren", schließt die WKÖ ab.