Ein Bericht der israelischen Zeitung "Jerusalem Post" erhebt schwere Vorwürfe gegen den israelischen Geheimdienst Schin Bet. Dieser soll zuletzt wiederholt Zielpersonen im Gazastreifen vor Luftangriffen angerufen und vor eine tödliche Wahl gestellt haben: Entweder sie gehen allein aufs Dach, um dort getötet zu werden, oder sie sterben gemeinsam mit ihrer Familie bei einem Bombenangriff auf das Haus.
Besonders erschütternd ist der Fall des mutmaßlichen Hamas-Kämpfers Muhammad Al-Bayouk. Er soll nach einem solchen Anruf tatsächlich allein aufs Dach gegangen sein, um seine Familie zu verschonen. Dort wurde er von einer israelischen Drohne getötet.
Der Vorfall soll sich am vergangenen Mittwoch (28. Oktober) in Khan Younis im Süden des Gazastreifens ereignet haben. Al-Bayouk hielt sich zu diesem Zeitpunkt in einer Unterkunft für Vertriebene auf, in der auch seine Angehörigen Schutz gesucht hatten.
Wie die "Jerusalem Post" unter Berufung auf die arabischsprachige Zeitung "Asharq Al-Awsat" berichtet, habe ein Geheimdienstoffizier dem Mann am Telefon mit der Bombardierung des gesamten Gebäudes gedroht, sollte er sich nicht allein auf das Dach begeben.
Al-Bayouk soll der Aufforderung gefolgt sein. Seine Tante soll noch versucht haben, ihn aufzuhalten. Laut einem Angehörigen lief sie ihm nach und wurde dabei schwer verletzt.
Wenig später wurde er auf dem Dach von einem kleinen Geschoss einer israelischen Drohne getroffen und getötet. Ob sich der Drohanruf tatsächlich so zugetragen hat, konnte bisher nicht unabhängig bestätigt werden.
Die israelische Armee bestätigte am Freitag (30. Oktober), Al-Bayouk bei einem gezielten Angriff getötet zu haben. Das Militär bezeichnete ihn als Mitglied der Nukhba-Eliteeinheit der Hamas, die unter anderem am Terrorangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 beteiligt war.
Den angeblichen Anruf und die Umstände, unter denen sich Al-Bayouk auf das Dach begeben haben soll, bestätigte die Armee hingegen nicht.
Laut "Asharq Al-Awsat" soll es in den vergangenen Monaten mindestens fünf solcher Fälle gegeben haben. Die Zeitung sprach nach eigenen Angaben mit Betroffenen und Angehörigen, die von ähnlichen Drohanrufen berichteten.
Eine mit den Vorgängen vertraute Quelle erklärte, dass sich diese Vorgehensweise vor allem gegen Personen richte, die mit militärischen Aktivitäten in Verbindung stehen. Bei hochrangigen Kommandanten würden hingegen weiterhin größere Luftangriffe durchgeführt, selbst wenn dabei zahlreiche Zivilisten getötet werden könnten.
Die "Jerusalem Post" hält ähnliche israelische Operationen in der Vergangenheit für plausibel, konnte die aktuell geschilderten Fälle jedoch nicht selbst bestätigen.
Die Vorwürfe werden inmitten neuer israelischer Luftangriffe im Gazastreifen bekannt. Allein am Sonntag wurden laut palästinensischen Angaben bei zwei israelischen Angriffen mindestens acht Menschen getötet: fünf Polizisten in Khan Younis sowie drei weitere Menschen in Gaza-Stadt.
Israel begründet seine militärischen Einsätze unter anderem mit Bedrohungen durch bewaffnete palästinensische Gruppierungen. Trotz der geltenden Waffenruhe kommt es immer wieder zu tödlichen Angriffen.
Weder die israelische Armee noch der Geheimdienst Schin Bet haben zu den konkreten Vorwürfen rund um die angeblichen Telefonanrufe öffentlich Stellung genommen.