"Es sind 70 Kilometer Anfahrt jeden Morgen", erzählt Hilde Moser, die Geschäftsführerin des EVI Naturkost- und Naturwarenfachgeschäfts gegenüber vom Hauptbahnhof St. Pölten. Täglich, legt die 60-Jährige 140 Kilometer zurück, um das zu tun, wofür ihr Herz schlägt. Zusammen mit Eigentümer Roman Pohl, der täglich von Wien pendelt, sorgt sie dafür, dass jeden Tag frisch gekocht wird. Wie lange noch, ist ungewiss – 2027 endet der laufende Mietvertrag.
"Ich bin 60 Jahre alt und könnte nächstes Jahr in Pension gehen", sagt Moser. Jetzt um die Mittagszeit ist viel los – Pohl und Moser sind mitten drinnen, sie als Küchenchefin, während er sich abwechselnd um die Verkaufsflächen und die Theke kümmert. Das oft betagte Stammpublikum kommt jetzt von Arztbesuchen und Vormittagserledigungen.
Hilde Moser ist auf einer Landwirtschaft im Waldviertel aufgewachsen: "Wir waren fünf Kinder, die in einfachsten Verhältnissen, aber in der Natur aufgewachsen sind." Den Bezug dazu hat Moser nie verloren. Auch heute noch hat sie einen Acker und baut sich ihr Gemüse selbst an. "Bei uns kommt nur Qualität auf die Teller", sagt sie.
"Was im Jahr 1980 als Verein in einem kleinen Geschäftslokal begann, entwickelte sich über vier Jahrzehnte zur EVI Naturkost & Naturwaren Handelsges.m.b.H, mit Geschäftslokal auf 600 Quadratmetern, samt angeschlossenem Restaurant und Parkplatz", liest man auf der Webseite des Betriebs. Wer sich entschließt, in den heutigen EVI-Markt hineinzugehen, reist ein Stück weit in die Vergangenheit – statt Hochglanz trifft man auf echten Idealismus.
"Ich habe das als Jugendlicher belächelt", sagt der 50-jährige Roman Pohl. Vor ihm eine Schlange von Menschen. In Töpfen und einer großen Kipppfanne duften die Mittagsgerichte: Es gibt Paradeis-Pilzrisotto mit Parmesan oder vegane Dinkellaibchen mit steirischem Wurzelgemüse. Seit Pohl vor rund zehn Jahren den Betrieb von seiner Mutter übernommen hat, stand er oft vor großen Herausforderungen.
Es sei der Traum einer besseren Welt gewesen, der die Gründungsmitglieder einst veranlasst habe, sich den Verein Erzeuger Verbraucher Initiativen (EVI) eingetragen zu lassen, erklärt Pohl dazu: "Man hatte sich zum Ziel gesetzt, mit der eigenen Tätigkeit benachteiligter Gebiete (gemeint ist das Waldviertel und die sogenannte "Dritte Welt", Anm.) zu fördern, Produzenten- und Konsumenteninteressen im aufkommenden Ökolandbau zu verbinden."
"Überall sind die Energiekosten gestiegen, die Lohnnebenkosten wie Körperschaftssteuern sind stetig gewachsen und durch die Inflation kaufen die Menschen immer weniger", fasst Pohl die Lage zusammen. Als 2023 sein Stromliefervertrag mit dem Energielieferanten EVN ausläuft, verdoppeln sich plötzlich Pohls Stromkosten von 1.500 Euro pro Monat auf rund 3.500 Euro.
Mithilfe eines Energiemaklers, und auch aufgrund zuletzt gesunkener Preise, hat Pohl zumindest dieses Problem in den Griff bekommen: "Steigen dürfen die Preise jetzt nicht mehr", sagt er: "Die EVI-Gastro-Sparte läuft nach wie vor gut. Wünschenswert wäre, wenn unser Umsatz im Verkauf steigen würde. Die Leute sparen aber, weil durch die Inflationsspirale ihr gesamtes Leben teurer geworden ist."
Auf Seite der Bio-Produzenten zeigt sich ein gemischtes Bild: Laut dem Dachverband Bio Austria, war, nach dem Beginn des Ukrainekriegs, die Einkaufsmenge bei vielen Bio-Produkten zunächst gesunken, während auch die Zahl der Produzenten sank: "Im Jahr 2022 wirtschafteten in Österreich mit etwas mehr als 25.000 Betriebe so viele Betriebe wie noch nie zuvor – der landesweite Bio-Anteil lag bei 23,4 Prozent. Seit damals hat Österreich knapp 1.000 Bio-Produzenten verloren." Gleichzeitig gab es zuletzt einen leichten Zuwachs beim Einkauf von Bio-Produkten. Ein Hoffnungsschimmer?
"Ich weiß nicht, wohin die Reise heute geht", sagt Pohl. Als er etwa acht Jahre alt war, kam seine Mutter, wie er sagt, "auf die Bio-Schiene". Rund fünf Jahre davor hatte eine Volksabstimmung die Inbetriebnahme des, unweit von St. Pölten gelegenen, Atomkraftwerks Zwentendorf verhindert. Eine breite Umweltbewegung hatte sich formiert, die Hainburger Au war besetzt. Unter Mitwirkung der katholischen Frauenbewegung war das erste EVI-Geschäft eröffnet worden.
"Die Beziehungspflege in Bezug auf Pflanzen, Tiere, Lieferanten, Konsumenten und Mitarbeiter steht bei uns auch heute noch, nach mehr als vier Jahrzehnten, im Vordergrund", sagt Hilde Moser. Die langen Tische im Gastro-Bereich sind jetzt voll besetzt – kein Wunder: Das kleine Menü kostet 11,50 Euro, das große 13,00 Euro. Zwei ältere Damen unterhalten sich über das Essen – sie treffen sich hier seit vielen Jahren.
"Nachhaltigkeit bedeutet für uns, alles im Haus zu verwerten und keine Lebensmittel wegzuwerfen", erklärt Moser. Dabei helfe die hauseigene Küche, wo verkocht werde, was im Gemüseregal bald welk werden würde: "Neben dem Lebensmittelvollsortiment aus kontrolliert ökologischer Erzeugung, ist unser vegetarisches Bio-Selbstbedienungsrestaurant heute das Herzstück für Kunden."
Das sieht auch Pohl so. Wie lange er den Betrieb noch aufrechterhalten kann, weiß er nicht: "Das größte Problem ist, dass die Menschen nicht mehr so häufig kommen." Die derzeitige Diskussion über teure Lebensmittel werde undifferenziert geführt.
"Das ist genauso unseriös, wie bei jeder Wahl eine Senkung der Lohnnebenkosten zu versprechen", sagt Pohl. Die Steigerung in diesem Bereich belaste seinen Betrieb zunehmend. Und noch etwas bereitet ihm Sorgen: "Wir kämpfen jetzt schon. Sollte unser Mietvertrag nicht verlängert werden, wäre das unser Ende. Ein Umzug ist finanziell nicht drinnen."