"Es ist ein Skandal", sagen mehrere Betroffene zu "Heute". Mit der Schließung der ADEG-Filiale hat Kritzendorf Anfang Dezember seinen letzten Nahversorger verloren. Die Regale sind bereits leer, Angestellte sind mit letzten Räumarbeiten beschäftigt. Selbst der außen angebrachte Zigarettenautomat spuckt keine Päckchen mehr aus.
Am Dienstag, 9. Dezember 2025, gegen 7.30 Uhr morgens formierte sich Bürgerprotest gegen das Aus. Trotz verschlossener Türen versammelt sich am Gehsteig vor der ADEG-Filiale eine größere Menschenmenge. "Wo sollen wir jetzt einkaufen gehen?", oder "Der Markt wird das schon richten", ein Zitat des Klosterneuburger Bürgermeisters anlässlich der nun bestehenden Versorgungslücke im Ort, war auf Transparenten zu lesen.
Wie "Heute" erfahren hat, waren einige Erwachsene und auch Kinder mit leeren Einkaufstaschen und -körben angerückt – Symbole des Protests. Mit Schildern wie "Kritzendorf ist mehr als eine Durchzugs-Straße", drückten sie ihre Verzweiflung aus. Für Personen ohne Auto sei die Schließung ein völliges Desaster, kommentierte das Gemeinderat Wolfgang Haas der Liste PUK.
"Gerade in den letzten Monaten war das Thema 'Nahversorgung' für viele niederösterreichische Gemeinden wieder zentral", sagt Haas: "Immer mehr Geschäfte des Lebensmitteleinzelhandels sperren zu, was die lokale Bevölkerung zwingt, längere Wege auf sich zu nehmen, um sich mit dem Notwendigsten zu versorgen."
Was alle Anwesenden eine, sagt der Politiker, sei die große Besorgnis um die Zukunft ihrer Versorgung und die Frustration darüber, dass die Politik hier keine Verantwortung sieht. Gegenüber "Heute" sagte Klosterneuburgs Bürgermeister Christoph Kaufmann (ÖVP): "Wir leben nach wie vor in einer Marktwirtschaft. Es ist nicht unsere Job als Gemeinde hier einzugreifen, es ist keine kommunale Aufgabe und wir sind auch keine Immobilienmakler."
Hier nach dem Staat zu rufen, sei für Kaufmann der falsche Ansatz. Kaufmann war sich im "Heute"-Gespräch sicher: "Das wird der Markt regeln." Es stünde ja jedem frei, den ADEG-Markt zu retten. Die Gemeinde sei jedenfalls nicht in der Lage dazu. Von den Betroffenen erntet Kaufmann dafür wenig Verständnis.
Dagmar Gollan und Alex Syen, die beide mit ihren Familien in Kritzendorf leben, haben die Aktion "Kritzendorf braucht Nahversorgung" innitiert. Viele aus der unmittelbaren Umgebung, aber auch aus anderen Teilen Klosterneuburgs und aus Höflein, sind ihrem Aufruf gefolgt. Sie wollen ein Zeichen setzen, aktiv werden, um eine alternative Lösung zu finden – sei es durch die Gründung einer Genossenschaft oder andere innovative Beteiligungsmodelle und Konzepte.
Wie "Heute" erfuhr besteht selbst zum Kauf des Lokals noch eine Chance. Den Beteiligten an der Aktion liegen aber noch keine gesicherten Fakten vor. Momentan tauschen die Anwesenden Vorschläge und Ideen zur zukünftigen Nahversorgung aus – teils mit Beispielen anderer Gemeinden, wo bereits kreative Lösungen gefunden wurden.
"Diese proaktive Suche nach Lösungen steht im Gegensatz zum Klosterneuburger Bürgermeister, Christoph Kaufmann, der öffentlich geäußert hat, die Zukunft der Nahversorgung in Kritzendorf den Kräften des Marktes überlassen zu wollen", kritisiert Wolfgang Haas.
Kaufmanns eigene Partei, sagt der PUK-Gemeinderat, habe in ihrem neuen Wahlprogramm, gezeichnet von den Kritzendorfer ÖVP-Gemeindevertretern Alexander Kisely, Ingrid Pollauf und Roland Honeder, "neue Geschäftslokale" und „Paketboxen" für Kritzendorf versprochen.
Haas, der selbst an der morgendlichen Kundgebung vor Ort teilnahm, bedauert, dass es "in diesem Fall leider schon sehr spät ist, um schnell eine gute Lösung zu finden", betont aber "dass gerade beim Thema Versorgung, zu der sich die Gemeinde im Stadt-Entwicklungskonzept STEK 2030+ verpflichtet hat, die Stadtregierung in der Verantwortung steht, diese Versorgungssicherheit vorausschauend zu planen."
Im besten Fall komme es gar nicht zu Problemen wie jetzt in Kritzendorf. Die ebenfalls anwesende PUK-Mandatarin Ulrike Kobrna ergänzt: "Gerade in Situationen wie diesen, steht die Politik in der Verantwortung – zusammen mit betroffener Bevölkerung und Wirtschaft – nach Lösungen zu suchen, um den nachhaltigen Erhalt der lokalen Versorgung zu sichern." Eine zentrale Verantwortung habe im konkreten Fall auch die ÖVP-Ortsvorsteherin Ingrid Pollauf, als Vertreterin des Bürgermeisters für alle Angelegenheiten in Kritzendorf.